Artist Interview: Gary Beck
Artist & Scene Insights
Wenn Gary Beck erzählt, wie Richie Hawtin ihn einst höchstpersönlich anrief, um seine Tracks zu signen, spürt man sofort: Hier spricht jemand, der Techno nicht einfach spielt – sondern lebt. Seit den legendären Pressure-Nächten im Arches in Glasgow trägt Gary diesen Spirit in sich. Es war dort, wo er Jeff Mills und Richie Hawtin auflegen sah – Momente, die für ihn alles verändert haben.
Heute zählt der Techno-Artist zu den prägendsten Stimmen des modernen Techno – ein Artist, der Berghain-Erlebnisse als Wegweiser nennt, AI-Einsatz im Studio meidet und lieber mit echtem Herzblut produziert: „Ich schreibe Musik sehr schnell und im Moment – das ist mein Motor.“
Und obwohl er auf den größten Floors der Welt gespielt hat, ist Gary Beck einer, der bewusst geerdet bleibt: Ein Fünf-Pfund-Eintritt für seine Clubnacht in Schottland? Für ihn selbstverständlich – Techno soll für alle da sein, nicht nur für die, die es sich leisten können.
Mit uns spricht Gary über die Kraft gemeinsamer Erlebnisse, seine Verbindung zu Berlin und Berghain, über musikalische Freiheit jenseits von Algorithmen – und warum ihn die Einladung, Musik für Rave The Planet beizusteuern, besonders berührt hat: „So viele Menschen, vereint im Namen von Techno und Gemeinschaft – das ist einfach bewegend.“
Der Beat von Glasgow, die Seele von Techno
RTP: Du kommst ja aus Glasgow – einer Stadt, die so viel musikalische Geschichte atmet. Welche Menschen oder Nächte haben dich dort am meisten geprägt? Und was nimmst du aus dieser Zeit heute noch mit, wenn du im Studio arbeitest oder auf der Bühne stehst?
Gary: Für mich war es die Soma-Records-Crew, die die Pressure-Nächte im legendären Arches in Glasgow veranstaltet hat. Ich bin regelmäßig zu ihren Events gegangen, und diese Erfahrungen haben mein Leben verändert. Ich habe mir Richie Hawtin und Jeff Mills angesehen, wie sie ihr Ding gemacht haben, und das war so inspirierend. Diese Flashback-Momente habe ich immer noch im Kopf, wenn ich im Studio arbeite.

RTP: Wenn du an deine Anfänge denkst – gibt es diesen einen Moment, wo du gemerkt hast: ‚Wow, jetzt passiert wirklich was!‘? So ein Augenblick, der dir bis heute im Kopf geblieben ist?
Gary: Ich würde sagen, das war, als Richie Hawtin mich 2008 bei seinem Label Minus unter Vertrag genommen hat. Danach hat sich mein Leben dramatisch verändert. Plötzlich bekam ich Anfragen für Auftritte auf der ganzen Welt und kündigte schließlich meinen Tagesjob. Als er mich an diesem Tag anrief, um mir mitzuteilen, dass er meine Musik unter Vertrag nehmen wollte, war das wie ein Traum, der wahr wurde.
RTP: Mit „Bring a Friend“ und später „Dal Riata“ hast du ja zwei Alben veröffentlicht, die sehr unterschiedliche Facetten von dir zeigen. Spannend zu sehen, wie du dich da weiterentwickelt hast! Was haben dir diese beiden Projekte jeweils künstlerisch ermöglicht oder gezeigt?
Gary: Ich finde es extrem herausfordernd und spannend, ein Album zu produzieren. Ich schalte alles andere aus, um mich ganz auf das Projekt zu konzentrieren. Das öffnet meinen kreativen Prozess völlig, indem ich Risiken eingehe und Stile ausprobiere, die ich zuvor noch nicht ausprobiert habe. Ich habe das Gefühl, dass ich kurz davor bin, diesen Prozess erneut zu durchlaufen. Es ist sehr aufwendig, aber auch sehr lohnend!
RTP: Du hast 2009 dein eigenes Label BEK Audio gegründet – richtig stark, so etwas Eigenes aufzubauen! Wie hat sich dein Blick auf das Label im Laufe der Jahre verändert? Und worauf achtest du heute, wenn du neue Musik auswählst oder Artists unterstützt?
Gary: Ich habe BEK Audio ursprünglich als Plattform für die Veröffentlichung meiner eigenen Musik gegründet, aber diese Entwicklung änderte sich, als ich Demos von einigen unglaublichen Produzenten erhielt. Einige waren bereits etabliert, andere wollten zum ersten Mal etwas veröffentlichen. Der Hauptstil von BEK ist energiegeladener Techno mit Groove und Charakter. Ich leite das Label selbst und kümmere mich um das gesamte A&R. Ich setze mich selbst nicht unter allzu großen Druck mit dem Label. Wenn es Monate dauert, bis die nächste Veröffentlichung erscheint, dann ist das eben so. Für mich zählt Qualität vor Quantität.
Sound mit Charakter und Berlin als Wegweiser

RTP: Du hast ja auf einigen der wichtigsten Floors weltweit gespielt – von Fabric über Awakenings bis Berghain. Gibt es eine dieser Erfahrungen, die dich besonders geprägt hat oder die deinen Sound nachhaltig beeinflusst hat?
Gary: Das Berghain in Berlin hat meinen Sound stark beeinflusst. Meine frühen Tracks waren eher im Bereich Tech House angesiedelt, aber nachdem ich von 2010 bis 2016 regelmäßig im Berghain aufgelegt habe, habe ich mich in einen dunkleren, treibenderen Sound verliebt, den ich bis heute mache.

RTP: Du warst ja Ende 2024 auch bei HÖR zu sehen und hast Releases auf CROWD und Mutual Rytm veröffentlicht – da passiert gerade echt viel bei dir! Wo liegt denn dein Fokus momentan – mehr auf Studioarbeit oder direkt auf der Tanzfläche beim Austesten neuer Tracks?
Gary: Ich liebe es einfach, im Studio zu sein. Das ist meine größte Leidenschaft. Ich schreibe Musik sehr schnell und im Moment, so dass ich am Ende eine Fülle an Material habe! Ich spiele meine Sets hauptsächlich mit meinem eigenen Material, daher arbeite ich immer an den nächsten Tracks, die ich in meine kommenden Sets einbauen kann. Ich würde also sagen, dass die Produktion derzeit mein Hauptaugenmerk ist.
RTP: Verwendest du eigentlich KI-Assistenztools im Produktionsprozess?
Gary: Nein, das ist in meinem kreativen Prozess kein Thema.
Clubkultur und Mitwirken bei Rave The Planet
RTP: Du hast ja schon oft über Berlin gesprochen – gerade über Clubs wie Berghain oder Tresor. Wenn du hier bist, was nimmst du dann aus dieser Stadt oder der Szene mit? Gibt es etwas, das dich hier besonders inspiriert?
Gary: Wie ich bereits erwähnt habe, haben meine Erfahrungen beim Auflegen und mich selbst verlieren im Berghain wirklich dazu beigetragen, meine Affinität zu Berlin zu stärken. Auch der Tresor war ein wichtiger Teil meiner Entwicklung, da ich dort ebenfalls ein paar Mal im Jahr aufgelegt habe. Ich habe Berlin jedoch noch nicht vollständig erkundet. Ich möchte bald mal wieder für eine Woche hinfahren und mich in der Stadt verlieren.
RTP: Kommen wir mal zu Rave The Planet. Du hast ja Musik für unsere Supporter Series Vol. 28 beigesteuert, die am 31. Oktober erscheint – übrigens noch mal Riesendank für deinen Support hierbei! Wenn du auf das Projekt zurückblickst: Wie hast du den Kontakt und die Zusammenarbeit erlebt? Und was bedeutet dir persönlich der Gedanke, dass Rave mehr ist als nur Party, sondern auch Statement und Kultur?
Gary: Ich habe viele Videos gesehen, und es ist wirklich bewegend, wie so viele Menschen im Namen von Techno und Gemeinschaft zusammenkommen. Ich habe mich sehr gefreut, als Claudia vom Rave The Planet Team mich gebeten hat, Musik für die Supporter Series beizusteuern. Es war mir eine Freude, einen kleinen Teil dazu beitragen zu können, und ich hoffe, dass ich die Parade eines Tages live erleben kann. Ich finde es heutzutage sehr wichtig, die kulturellen Bewegungen in unserer Szene zu schützen, da ich sehe, wie viel davon im Namen von Gier und Profit zerstört wird.

RTP: In der Rave-Kultur geht’s ja immer stark um Miteinander und Respekt. Wie wichtig sind dir diese Werte – gerade, wenn du auf der Bühne stehst oder hinter den Kulissen mit anderen arbeitest?
Gary: Zusammengehörigkeit ist alles, und es ist unerlässlich, dass Menschen zusammenkommen und auf sichere und geschützte Weise feiern können. Das war ein so wichtiger Teil meiner Entwicklung in der Szene. Mit Menschen zusammen zu sein, die man liebt, und das absolute Vertrauen zu haben, sich gehen zu lassen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was andere denken. Ich denke, dass die Einführung von Handys die Szene sehr negativ beeinflusst hat, und ich respektiere die Clubs und Veranstalter, die sich dagegen aussprechen.

OUT NOW:
Rave The Planet – Supporter Series #028
Veröffentlichung: 31. Oktober 2025 – hier hören und downloaden!
Underground, Brexit und Nachhaltigkeit
RTP: Gerade jetzt, wo Techno wieder so groß geworden ist, kann man schnell Gefahr laufen, sich an Trends oder Algorithmen anzupassen. Wie gehst du damit um? Und wie bleibst du dir selbst treu in einer Szene, die manchmal sehr schnelllebig ist?
Gary: Ich bin immer noch fest im Underground verwurzelt und schaue nicht viel über den Tellerrand hinaus. Ich werde immer „das tun, was ich tue“ und daran festhalten, weil ich es liebe. Ich bin wirklich kein großer Fan von Social Media, da ich nie viel Interesse daran hatte, mein Gesicht für einen Social-Media-Post zu zeigen. Ich veranstalte auch eine Nacht in Schottland, für die wir £5 Eintritt verlangen. Ich möchte damit kein Geld verdienen. Es geht darum, ein großartiges Clubbing-Erlebnis zu einem erschwinglichen Preis zu bieten. Leider sehe ich viel zu viele Menschen, die sich das nicht mehr leisten können, was wirklich schade ist.
RTP: Der Brexit war ja für viele britische Artists auch ein echter Einschnitt. Wie hat sich das Reisen und Touren für dich seitdem verändert? Und was müsste sich deiner Meinung nach ändern, damit Kultur wieder einfacher grenzenlos funktioniert?
Gary: Als Schotte wollte ich nie, dass es dazu kommt, ebenso wie die Mehrheit der Schotten. Es war klar, dass es eine Katastrophe werden würde. Für uns hat sich in der Wirtschaft und beim Reisen alles dramatisch verändert. Kultur und Kunst sollten keine Grenzen kennen, und ich hoffe aufrichtig, dass die Politiker dies erkennen werden. Leider haben die meisten von ihnen jedoch kein Mitgefühl, daher erwarte ich nicht viel.

RTP: Nachhaltigkeit ist ja bei Tourleben und Flugmeilen immer ein schwieriges Thema. Wie gehst du persönlich damit um? Und gibt’s kleine, realistische Schritte, die du dir von Artists oder Veranstaltern wünschen würdest?
Gary: Ich finde es sehr wichtig, sich davon nicht völlig vereinnahmen zu lassen. Ich nehme mir gerne regelmäßig ein paar Tage Auszeit davon! Ich arbeite meist in kreativen Schüben über mehrere Tage hinweg. Ich merke meistens, wenn ich mich selbst erschöpft habe, also fahre ich regelmäßig mit meinem Hund in die Berge und schalte ab. In dieser Szene neigt man leicht dazu, Dinge zu sehr zu überdenken, besonders angesichts der Flut an Social Media, die mittlerweile unverzichtbar ist!
Frieden, Gemeinschaft, Emotion
RTP: Du jonglierst ja viele Rollen gleichzeitig – Headliner, Produzent, Labelbetreiber. Wie schaffst du das, ohne dich selbst zu überfordern? Und woran merkst du, wenn es Zeit wird, mal kurz auf die Bremse zu treten?
Gary: Ich würde mich meiner Antwort auf die letzte Frage anschließen. Übermäßiges Nachdenken kann zum größten Burnout führen! Nimm dir eine Auszeit, wenn du dich nicht gut fühlst. Lenke deine Gedanken auf etwas anderes.
RTP: Stell dir vor, du bist auf einem Truck bei der Parade – Musik läuft, alle tanzen. Wenn du in diesem Moment ein paar Worte an die Crowd richten könntest: Was würdest du sagen? Und zu welchem deiner eigenen Tracks würdest du sie am liebsten loslassen?
Gary: Frieden, Liebe und Gemeinschaft! Gefolgt von „TECHNO“-Rufen. Der Track, den ich spielen würde, ist „Algoreal“ von Soma Records. Das ist ein sehr emotionaler Track, der mich wahrscheinlich zu Tränen rühren würde.
Schnelles über Gary zum Schluss
Selbstbeschreibungn in einem Wort: Leidenschaftlich
Sound den ich außerhalb von Techno mag: Traditionelle schottische Musik
Lieblingssong aller Zeiten: Ich war schon immer ein Fan von Renato Cohen – Pontape
Kann ich richtig gut: Pochierte Eier
Kann ich überhaupt nicht: Golf
Mag ich: Fußball
Mag ich nicht: American Football
Ich würde gern mal zusammenarbeiten mit: Jon Hopkins
Wichtigstes Engagement und Aktivität außerhalb von Musik: Vater sein
Was du der Welt mitteilen möchtest: F*ck Krieg, nur Frieden!
Autor: Kay Barton, Rave The Planet Onlineredaktion