Artist Interview: Gray Contrast

Artist & Scene Insights

Berlin als Ursprung und Spielwiese: Gray Contrast aka Dorian Goetsch, improvisationsgetriebener Live-Performer mit klassischem Klavierhintergrund, entwickelte ein Set-up, das ganz ohne Computer auskommt, bestehend aus Synthesizern, Looper, Stimme und dem Mut, im Moment zu bleiben. Berlin wurde dabei sein musikalisches Labor: Von spontanen Sessions in der Hasenheide über Day-Raves am Mauerpark bis hin zu kleinen Straßen-Inseln an der Warschauer, wo verschiedene Subkulturen zusammenfinden – und BPM zu Biografie wird.

Dieses Jahr war er Mitgestalter eines Floats bei Rave The Planet und spielte kürzlich beim Helferfest im Club Weißer Hase – als Zeichen der Verbundenheit mit der Community, die ihn geprägt hat. Denn für Gray Contrast ist Techno kein Produkt, sondern ein sozialer Kleber; kein Genre, sondern eine Bewegung.

Wir trafen ihn zum Gespräch über Improvisation als Haltung, Räume ohne Grenzen – und Techno als Sprache einer Generation, die sich weder aufteilen noch aufhalten lässt.


Berlin und seine free Spaces

RTP: Hi Dorian, danke, dass du dir heute Zeit nimmst für unser Artist-Interview! Du bist echter Berliner, richtig?

Dorian: Genau, ich bin hier 2001 geboren.

RTP: Du performst elektronische Musik live als Straßenmusiker, aber auch im regulären Club- oder Eventkontext, wie zum Beispiel bei uns auf der Parade oder auf unserem Helferfest kürzlich. Wie kam es dazu?

Dorian: Ich bin mit viel Musik um mich herum aufgewachsen und habe nach dem Abi entschieden, mir ein Beispiel an anderen Berliner Straßenmusikern zu nehmen und es auch zu probieren. So konnte ich als Schöneberger erst die anderen Bezirke richtig kennenlernen.

Gray Contrast mit Sonnenbrille

RTP: Was fasziniert dich an der Berliner Straßenmusiker*innen-Szene?

Dorian: Ich liebe die multikulturellen Ströme und Einflüsse in Berlin und die Offenheit und Vielfalt an Subkulturen, besonders reflektiert in meinem Straßenmusiker-Freundeskreis. Im Kern schätze ich vor allem die Community, die meine Musik schaffen konnte – sei es bei Open Airs im Mauerpark oder späten Raves an der Warschauer. Auch riesige Kudos mal an dieser Stelle an alle Kolleginnen und Kollegen, die mich inspirieren und für die auch ich inspirierend bin.

RTP: Das geben wir gern hiermit weiter! Nun sind ja wesentliche Teile deiner Auftritte improvisiert. Was macht für dich den Reiz von Unvorhersehbarem aus?

Dorian: Ich war immer schon fasziniert vom Improvisieren. Somit ist es meine Leidenschaft, das live-elektronische Feld zu pushen und die Grenzen dort zu erweitern.

RTP: Gab es in deiner Schaffensphase denn schon sowas wie einen Schlüsselmoment oder ein besonderes Erlebnis außerhalb von deinen Performances in der RtP-Bubble, zu denen ich später noch komme?

Dorian: In der Tat, ja. Für mich waren das in Lockdown-Zeiten meine ersten mehrstündigen Konzerte in der Hasenheide. Da haben alle Subkulturen zusammen getanzt. Linke Lederjacken zusammen mit migrantischen Gruppen, Hippies und Berghain-Klientel hatten ihren Escape in einer frischen Sommernacht, und ich hatte meine ersten “Let-Go”-Momente beim Zocken. Damals hatte ich nur einen Synthesizer und einen 1-Track-Looper. Irgendwann war ich gezwungen zu improvisieren, da ich meine eingeübten Stücke alle mehrfach gespielt hatte. Das ging dann bis in die Morgenstunden.

Von der Straße auf die Straße (und in den Club): Rave The Planet

Gray Contrast auf dem Rave The Planet Float
Gray Contrast auf dem Rave The Planet Float

RTP: Ihr habt dieses Jahr einen Float bei der Parade auf die Straße gebracht, nämlich den Mauerpark-Live-Kommando-Float. Wie kam es dazu und wie hast du das erlebt?

Dorian: Als 2001er-Jahrgang bin ich groß geworden mit Erzählungen über die Loveparade…

RTP: (lacht) Habe ich schon mal von gehört…

Gray Contrast bei seinem Helferfest-Auftritt am Synthesizer
Gray Contrast bei seinem Helferfest-Auftritt am Synthesizer

Dorian: Also, sie schien auf jeden Fall ein Kernbestandteil der Berliner Musikidentität zu sein. Mit der Zeit habe ich dann bei Rave The Planet mitgetanzt und später kleinere Guerilla-Konzert-Raves in der Nähe der Parade gemacht. Es ist ein insaner full-circle Moment, bei Rave The Planet 2025 mitgewirkt zu haben. Extrem, extrem crazy. Rave The Planet – und Musik als Kleber und Grenzen-Auflöser – ist eine große persönliche Motivation für mich. Das RtP-Team spielt eine fundamentale Rolle in der globalen Friedens- und Freiheitsbewegung namens “Techno”.

RTP: Gutes Stichwort: Welche Werte sind denn dir eigentlich als Aktivist oder einfach als Mensch wichtig, ganz prinzipiell?

Dorian: Mir ist es wichtig, mich für marginalisierte Gruppen und Völker einzusetzen, die unter der westlichen Kolonialisierung leiden.

RTP: Nun hast du ja neulich noch einen anderen Einsatz geleistet, nämlich auch beim Helferfest im Club Weißer Hase am RAW-Gelände. Wie war‘s da für dich?

Dorian: Ich hatte dort die Chance etwas zurückzugeben. Das war etwas ganz Besonderes, nach unserem Auftritt als Mauerpark-Crew bei Rave The Planet. Es war ein sehr sweeter, familiärer Vibe – einfach nur tolle Menschen!

Vorbereitungen für die kommende Saison

RTP: Ja, das fanden wir in der Tat auch! Was machst du eigentlich jetzt, wo’s draußen kalt und regnerisch ist? Nutzt du die Zeit für Vorbereitungen oder neue Projekte?

Dorian: Jetzt im Winter ist Studio-Time für mich, wobei das auch bedeutet, an meinem Live-Setup zu schrauben, um nächstes Jahr mit noch krasserer Live-Energie am Start zu sein, um Ideen in Echtzeit aus dem Kopf in die Ohren der Zuhörer zu bekommen.

RTP: Nutzt du eigentlich AI-Tools im Studio oder in deinen Performances?

Dorian: Ich überlege, mir AI Vocal-Stems von Lieblingstracks in mein Loopy-Pro-Template zu laden. So könnte ich geile Bootlegs machen, ohne alles selber singen zu müssen, was zwar Spaß macht – aber eben auch seine Grenzen hat. AI hilft, meine Live-Software “Loopy Pro” zu coden. Der Developer schafft es so, als Ein-Kopf-Team eine kompetitive Software zu machen.

RTP: Klingt nach einem coolen Konzept. Wie gehst du damit um, dass die Technologie kreativ hilft, aber auch Identitäten verwässern kann?

Dorian: AI kann eine Hilfe im Brainstorming-Prozess sein, und vielleicht machen wir dank AI bald alle Live-Sets auf Basis von Live-Hirnscans – quasi ein direktes Channeling einer sich konstant weiterentwickelnden Idee. Auf der anderen Seite war für mich das jahrelange Klavierüben auch ein wichtiger Anker und Lehrer in Geduld. AI scheint auf die Ungeduld in uns zu spielen und uns von der vollen Hingabe zu einer Leidenschaft zu entfernen.

Gray Contrast singt

„I love to see it“

RTP: Den letzten Satz muss ich mir aufs T-Shirt drucken! Inwieweit spiegeln sich die vielfältigen Räume und Flächen der Stadt konkret in deinem Sound wider bzw. welche Eindrücke nimmst du mit in deine Kreativität?

Dorian: Ich habe alles auf den Berliner Straßen gelernt, was meine Live-Künste angeht. Berlin mache ich auch verantwortlich für den konstanten Anstieg meiner BPM von 110 BPM zu nun bis zu 200 bei Peak-Time.

Close-Up von Gray Contrast's Händen am Synthesizer, Foto Coda Photography
Action an den Synths, Foto: Coda Photography

RTP: Wow, das ist ja relativ flink…

Dorian: Aber auch ein Resultat der Wechselwirkung mit der Community. Die Leute und die Straßen-Raves haben ohne Frage meinen Sound mitgeformt und mir die tollsten Momente meines Lebens gegeben. Besonders der Hotspot Mauerpark, der zum Hub für viele Musikerinnen und Musiker und vor allem live-elektronische Busker geworden ist. I love to see it!

RTP: Welche Strategien fährst du, um kreativ bleiben zu können und nicht schlimmstenfalls mit inneren Blockaden kämpfen zu müssen?

Dorian: Schreiben, schreiben, schreiben – alles, was in den Kopf kommt! Ruhig ein paar Seiten voll den Kopf ausrümpeln. Das ist eine Strategie aus Julia Camerons Buch “Der Weg des Künstlers”, welches mich vor 7 Jahren wieder in Kontakt mit meinem inneren Künstler gebracht hat. Meditation und Natur sind auch große Helfer.

Kunst, Inklusivität und Collabs

RTP: Die Präsentation von Sound und Soundlandschaften wird ja zunehmend als multisensorisches Erlebnis konzipiert. Muss Techno heute multidimensional gedacht werden oder geht siehst du das als Show-Off versus Vibe?

Dorian: Kommt drauf an. Mich inspiriert Dark Matter sehr, wenn sie Lichtkunst mit Sound verschmelzen lassen.

RTP: Das ist die audiovisuelle Dauer-Kunstinstallation von Christopher Bauder in Berlin-Lichtenberg.

Dorian: Genau, ja. Was für mich jedoch wesentlicher ist, ist es zum Beispiel von Tanzenden umgeben zu sein, als auf diese herabzugucken. Und Raves müssen safe spaces für alle sein – obwohl das in Berlin manchmal echt schwierig ist, angesichts des mangelnden legalen Status von Straßenmusik und so mancher Gestalten der Nacht. Wir geben aber als Community unser Bestes, kleine Inseln der Zuflucht inmitten des Straßentrubels zu schaffen.

Gray Contrast singt an seinem Setup
Die Stimme als wichtiges Instrument, Foto: Coda Photography

RTP: Und wie sieht es bei Kollaborationen aus? Hast du da Favoriten, sowohl realistische als auch unrealistische?

Dorian: Ich hoffe, bald mit meinem Lieblingskünstler Overwerk zu kollaborieren. Utopisch wäre Muse – meine Lieblingsband. Beardyman ist ein Traum, da dieser das Live-Game pusht wie kein anderer. Absoluter Obernerd, der mit seinem “Beardytron” alle vorstellbaren Klänge in Echtzeit bastelt – nur mit seinem Mund als Input-Quelle. Ansonsten noch Rave The Planet, once again! Hungry Music aus Frankreich wäre hier ein tolles Kollektiv für Kollaborationen!

Wo hört Underground auf und fängt Algorithmus an?

RTP: Klingt spannend und wir wünschen dir hierfür viel Erfolg in spe! Wir haben im Gespräch einige Male von Subkultur gesprochen, was per Definition zumindest mal das Gegenteil von Kommerz ist. Wenn aber Techno trendet, entsteht oft eine Spannung zwischen Marktlogik und Subkultur. Wie hältst du da deinen Kompass?

Dorian: Ich denke, wir dürfen der Jugend nicht ihren Zugang zu Techno aberkennen. Ich finde es toll, dass Mainstream nicht mehr nur Pop bedeutet. Das ist erstmal eine Leistung. Ich denke, auch wenn das die Privatsphäre gefährden könnte, dass Social Media auch eine sehr community-basierte Waffe gegen die Gentrifizierung sein könnte.

Gray Contrast im Close-Up

RTP: Aber auch nicht um jeden Preis, oder?

Dorian: Nein, eine rote Linie für mich wäre sowas wie Kameras im Berghain. Die Spaces müssen geschützt werden!

RTP: Voll d’accord! Danke dir vielmals für das Gespräch!

Gray Contrast live @ Rave The Planet 2025

Klicke hier zum Anhören!


Schnelles über Gray Contrast zum Schluss

Selbstbeschreibung: Rastlos

Sound den ich außerhalb von Techno mag: Cinematische Gänsehaut-Filmmusik, aber mit fetten Bässen und Rumble Kick

Kann ich richtig gut: Von Thema zu Thema springen

Kann ich überhaupt nicht: Steuererklärung

Mag ich: Alles rund um Improvisation und Ich-Verlust bei Musik

Mag ich nicht: Nörgeln, sich beschweren, lästern

Ich würde gern mal zusammenarbeiten mit: Muse

Wichtigstes Engagement und Aktivität außerhalb von Musik: Den Mauerpark als Kulturort bewahren!

Was du der Welt mitteilen möchtest: Make more Art! Life is about finding a playful way to beat the game with the cards life gave you. The game is meaning.


Autor: Kay Barton, Rave The Planet Onlineredaktion

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