Artist Interview: Marc van Linden & Ewelina Koll

Artist & Scene Insights

Mit ihrer ersten gemeinsamen Single übersetzen Marc van Linden & Ewelina Koll – künstlerisches Duo und Lebenspartner:innen – Leidenschaft, kritisches Denken und emotionale Tiefe in einen Sound, der verbindet, Geschichte erzählt und die Szene neu auflädt. Der Track entsteht aus Gefühl und Moment, aus Nähe im Studio und dem Willen, Techno nicht nur tanzbar, sondern bedeutungsvoll zu machen: als Raum für Gemeinschaft, Ausdruck und kreative Verantwortung. „Nobody But You“ markiert den Beginn einer neuen gemeinsamen Phase – persönlich, mutig und offen für den Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft, Underground und globaler Plattform.

Am 13.02.2026 erscheint der Track auf Rave The Planet. Wir sprechen mit Marc und Ewelina darüber, wie aus kreativer und persönlicher Verbundenheit ein Sound wird, der mehr will als nur gehört zu werden.


„Techno ist kein Selbstzweck.“

RTP: Marc, du bist mit 16 Resident geworden, hast 1996 deinen ersten Plattenvertrag unter dem Namen FRAMIC unterschrieben. Wenn du heute zurückblickst: Welche frühen Erfahrungen haben deinen künstlerischen Kompass wirklich ausgerichtet?

Marc: Tatsächlich habe ich zuerst mit Musikproduktionen begonnen. Der Resident-Job mit 16 war dann der eigentliche Startpunkt. Sehr früh regelmäßig aufzulegen hat mir ein tiefes Verständnis für Dramaturgie, Energie und Publikum gegeben. Gleichzeitig half es mir, Musik im Studio besser zu verstehen. Meine prägenden Einflüsse kamen aus den Raves und Clubs der frühen 90er – Artists wie Kid Paul, Cosmic Baby, Humate oder Dr. Motte haben mich stark beeinflusst.

Marc van Linden hinter dem DJ-Pult mit hochgehaltenem rechten Arm
In the mix: Marc van Linden knallt die Energie auf den Floor

RTP: Diese Verbindung zwischen Club, Studio und Szene zieht sich bis heute durch deine Arbeit. Viele sehen Techno als etwas Archaisches, als Ritual, als kollektive Erfahrung. Spürst du darin auch eine kulturelle Verantwortung?

Marc: Absolut. Rhythmus, Wiederholung und Trance-Zustände sind tief im Menschen verankert. Techno kann Gemeinschaft erzeugen, jenseits von Sprache, Herkunft oder Ideologie. Daraus ergibt sich automatisch eine Verantwortung: Räume zu schaffen, die inklusiv, respektvoll und frei sind. Techno ist kein Selbstzweck. Er transportiert Werte, auch wenn sie nicht immer ausgesprochen werden.

RTP: Dein Katalog reicht von „Sturm der Nacht“ und „The Last Unicorn“ bis zu Club-Klassikern wie „Forbidden Love“ oder „AM 2 PM“. Wie hat sich deine Handschrift über die Jahre verändert?

Marc: Sie hat sich von melodischen, songorientierten Tracks hin zu cluborientierten Klassikern entwickelt. Ich habe gelernt, Raum und Spannung bewusst einzusetzen, Tracks zu verdichten und trotzdem emotional zu bleiben. Für mich ist es immer ein Balanceakt zwischen tanzbarer Energie und Ausdruck von Gefühlen, und genau das verbindet alle meine Releases.

Von Club-Klassikern zu globalen Perspektiven

RTP: War dann die Gründung deines eigenen Labels Midway Records 2004 quasi die logische Schlussfolgerung oder warum war dir eine eigene Plattform für andere Artists so wichtig?

Marc: Ich wollte unabhängig sein. Nicht nur meine eigene Musik veröffentlichen, sondern auch anderen eine Bühne geben. Midway steht für mich sinnbildlich für einen Übergang zwischen Stilen, Generationen und Perspektiven.

RTP: Kommen wir mal zu deinem Album „My Way“. Das erschien 2007 auf Midway und hat dich auf eine weltweite Tour geführt. Was hat diese globale Erfahrung mit dir gemacht, sowohl als Künstler, aber auch als Mensch?

Marc: Sie hat meinen Horizont und meine Persönlichkeit enorm erweitert. Tokio, Hongkong, Melbourne oder L.A. … überall unterschiedliche Clubkulturen, aber dieselbe Leidenschaft für Musik. Das hat mir gezeigt, wie universell elektronische Musik ist. Und wie wichtig es ist, offen zu bleiben und zuzuhören. Das hat mich sehr geerdet.

Pressefoto von Marc, seitlich aufgenommen. Er trägt ein schwarzes Shirt mit einem Smiley auf dem Rücken.

Berlin, Dr. Motte und die Idee von Zukunft

RTP: Deine Verbindung zu Berlin und zur Szene ist ja tief. Acht Jahre war die Stadt dein Zuhause. Wie blickst du heute auf Berlin als kulturellen Bezugspunkt?

Marc: Berlin war mein Ausgangspunkt. Hier habe ich Clubs, Raves und eine Community erlebt, die mich geprägt hat. Heute sehe ich die Stadt als historisches Zentrum und globalen Treffpunkt, eine Stadt, die Trends setzt und Inspiration für die ganze Welt liefert.

Dr. Motte (rechts) mit Martc van Linden (links) formen ein Herz mit ihren Händen.
Liebe geht raus mit Dr. Motte (links) und Marc van Linden

RTP: Und zusammen mit Dr. Motte hast du genau so eine Inspiration kreiert, nämlich die Paradehymne 2025 „Our Future Is Now“. Was bedeutet diese Kollaboration für dich persönlich?

Marc: Es ist, als würde ein Teil meiner eigenen Geschichte auf die Person treffen, die mich früh inspiriert hat. Der Track ist ein Statement: Techno kann Menschen vereinen, Verantwortung tragen und Hoffnung geben.

RTP: Historisch wird Dr. Motte ja oft im Kontext der Loveparade genannt. Wie habt ihr diese Geschichte in eine Hymne für die Gegenwart verpackt?

Marc: Es geht darum, Respekt für die Geschichte zu zeigen, ohne sie zu kopieren. Die Loveparade stand für Freiheit, Zusammenhalt und Euphorie. Diese Werte tragen wir weiter. Gleichzeitig lebt Musik im Jetzt: Melodien transportieren Nostalgie, Rhythmen bewegen den Körper, Sounds spiegeln die aktuelle Club-Ästhetik. Unsere Arbeit schlägt eine Brücke zwischen Erinnerung und Gegenwart, Tradition und Innovation.

RTP: „Our Future Is Now“ stellt die Frage nach Verantwortung. Wie lautet deine persönliche Antwort darauf?

Marc: Handeln, bevor es zu spät ist. Verantwortung beginnt bei jedem von uns – für Gemeinschaft und Kultur. Musik ist ein Werkzeug: Empathie, Zusammenhalt und Respekt auf der Tanzfläche zu spüren, ist ein kleines, aber wirkungsvolles Statement.

RTP: Rave The Planet versteht sich als Demonstration für Technokultur mit sozialer und politischer Dimension. Welche Rolle siehst du für Artists in diesem Kontext?

Marc: Wir tragen die Geschichte von Techno weiter. Wir haben Reichweite und damit Verantwortung. Haltung zeigen, Räume öffnen, Menschen zusammenbringen. Musik transportiert Emotionen, die Worte oft nicht erreichen. Gerade bei Rave The Planet wird sie zum verbindenden Element.

Marc beim Auflegen auf dem Rave The Planet Float, unter ihm ein Meer aus Menschen
Marc auf dem Rave The Planet Float

Ewelina, kreative Nähe und ein gemeinsamer Sound

RTP: Ewelina, ihr arbeitet nicht nur als Artists zusammen, sondern auch als Paar. Wie verändert diese Nähe euren kreativen Prozess?

Ewelina: Es macht den Prozess ehrlicher und direkter. Oft spüren wir die Stimmungen, Gedanken und Emotionen des anderen, bevor sie ausgesprochen werden. Das erlaubt uns, Musik nicht nur technisch, sondern vor allem emotional zu gestalten.

Marc: Als Paar bringen wir automatisch eine tiefere Ebene in die Arbeit. Wir hören intensiver zu, achten sensibler auf Details und sind bereit, neue Wege zu gehen. Diese Offenheit führt zu einem Sound, der persönlicher, mutiger und lebendiger ist. Genau das hört man in „Nobody But You“.

Ewelina und Marc mit Rave The Planet T-Shirts und Sonnenbrille
Ewelina und Marc im RTP-Outfit

RTP: Der Track ist eure erste gemeinsame Single. Was ist eure Vision für diese Zusammenarbeit?

Marc: „Nobody But You“ ist der Start einer intensiven Phase. Weitere Releases auf Rave The Planet, Cosmic Future, OFF Recordings und anderen Plattformen sind geplant. Unser Ziel ist es, einen gemeinsamen Sound zu entwickeln, der frische und klassische Elemente verbindet

Marc van Linden & Ewelina Koll – Nobody But You

auf der SUPPORTER SERIES #029, Release am 13.02.26

Vorverkauf ab 31.01.26, klicke hier zum Vorbestellen!

Cover der Supporter Series Nr. 29

Zwischen Underground und globaler Bühne

RTP: Marc, du spielst in kleinen Clubs und auf großen Festivals. Wie bleibst du authentisch zwischen Underground-Haltung und globaler Sichtbarkeit?

Marc: Indem ich die Musik ernst nehme – egal, wie groß die Bühne ist. Underground bedeutet für mich, den Moment zu fühlen und das Publikum mitzunehmen. Sichtbarkeit kann das sogar verstärken, solange man seine Haltung bewahrt.

Pressebild von Marc van Linden in schwarzem Outfit

RTP: Nun hast du ja mit deinen jüngeren Kollaborationen, wie etwa „Loops Of Infinity“, „Beautiful Life“ oder „Indicode“, einen generationsübergreifenden Weg eingeschlagen. Ist das ein bewusstes Konzept?

Marc: Ja. Elektronische Musik lebt vom Dialog. Besonders stolz bin ich auf die Zusammenarbeit mit Cosmic Baby, der mich in meiner Anfangszeit geprägt hat. Das fühlt sich an wie ein Kreis, der sich schließt.

RTP: Bei so vielen Projekten stellt sich unweigerlich die Frage nach der künstlerischen Identität zwischen Produktion, DJing, Label-Arbeit und Szene-Engagement. Wie machst du das?

Marc: Ich nehme mir bewusst Zeit für Musik – Produzieren, Experimentieren, Zuhören. DJing, Labelarbeit und Szene-Engagement sind Teile des Ganzen, dürfen aber nicht bestimmen, wer ich als Künstler bin. Ich bewahre meine Handschrift und bleibe offen für neue Impulse. Diese Balance hält mich wach.

RTP: Stichwort Impulse: Welche Artists und Labels inspirieren dich gerade besonders?

Marc: Solche, die ihrer Linie treu bleiben, Wiedererkennbarkeit besitzen und trotzdem überraschen. Anfisa Letyago und Nina Kraviz zum Beispiel. Als Producer aktuell besonders Cirkle.

RTP: Und wie beobachtest du die heutige Generation von Produzent:innen und DJs?

Marc: Ich sehe viel Talent, Mut und frische Ideen – aber auch Beliebigkeit. Die spannendsten sind diejenigen, die ihre Vision ernst nehmen, Risiken eingehen und trotzdem die Verbindung zum Publikum halten

Studio, Flow und Persönlichkeit

RTP: Wie beginnt bei dir ein Track?

Marc: Meist mit einer Stimmung oder einem Gefühl. Daraus entwickeln sich Groove, Sounddesign und Struktur. Der Track wächst beim Experimentieren.

RTP: Viele deiner Tracks balancieren emotionale Weite und clubtaugliche Direktheit. Welche Prinzipien leiten dich im Arrangement und Mixdown?

Marc: Kick und Bass sorgen für Clubtauglichkeit, Flächen, Pads und Melodien für emotionale Tiefe. Kontraste und gezielte Reduktion sind mir wichtig. Ich spiele mit Loops und Sounds, bis alles klickt und das Gefühl hörbar wird.

RTP: Und wie sieht’s mit dem Workflow bzw. was ist dein ideales Setup?

Marc: Ein schnelles Setup, das den Flow nicht stoppt. Ableton Live für Session-View und Arrangement. Hardware-Synths für Charakter, Software für Präzision. Und vor allem: Routine. Regelmäßig ins Studio gehen, zuhören, Pausen machen, nicht jedem Trend hinterherlaufen.

Pressebild von Marc van Linden im schwarzen Shirt, frontal aufgenommen

RTP: Masterst du selbst oder arbeitest du mit externen Studios?

Marc: Ich überlasse das Mastering den Profis. Ein Teil meiner Tracks wird von meinem langjährigen Partner Gorden gemastert, andere von Perla Audio.

RTP: Hast du einen wichtigen Rat an junge Produzent:innen?

Marc: Geduld. Den eigenen Sound suchen. Fehler akzeptieren. Und immer fragen: Trägt dieser Track meine Persönlichkeit?

Zukunft, Verantwortung und Gemeinschaft

Dr. Motte und Marc van Linden am Fernsehturm Berlin, von schräg unten fotografiert, Fotograf: Fabien Prauss
Eine Frage der Perspektive: Dr. Motte (links) und Marc van Linden am Fernsehturm Berlin, Fotograf: Fabien Prauss

RTP: Technokultur in Berlin ist inzwischen Immaterielles Kulturerbe. Wie bewertest du diesen Meilenstein?

Marc: Die Anerkennung würdigt nicht nur die Musik, sondern auch Haltung, Kreativität und Gemeinschaft. Für kommende Generationen ist es ein Ansporn, diese Werte weiterzutragen.

RTP: Wenn wir uns diese kommenden Generationen und ihre Entwicklungen vorstellen: was wäre dein größter Traum für elektronische Musik in den nächsten zehn Jahren?

Marc: Musikalisch: Mehr Mut, weniger Formel, mehr Persönlichkeit. Kulturell: Clubs als Orte der Begegnung, Bildung und des Schutzes. Gesellschaftlich: Elektronische Musik als Brücke zwischen Generationen und Kulturen.

RTP: Danke für das Gespräch!


Schnelles über Marc van Linden zum Schluss

Selbstbeschreibung: Konsequent, leidenschaftlich, ehrlich

Sound: Emotional, dynamisch, atmosphärisch, treibend

Kann ich richtig gut: Spontan & flexibel sein

Kann ich überhaupt nicht: Stillstand akzeptieren

Mag ich: Ehrlichkeit, Lachen & gute Soundsysteme

Mag ich nicht: Ego, Beliebigkeit, leere Trends

Wichtigstes Engagement und Aktivität außerhalb von Musik: Pädagogische Arbeit mit Kindern

Was du der Welt mitteilen möchtest: OUR FUTURE IS NOW


Autor: Kay Barton, Rave The Planet Onlineredaktion

Mit Freunden teilen

RAVE THE NEWSLETTER

Du hast Bock auf unsere News? Dann melde dich für unseren Newsletter an.

Verpasse ab sofort keine News mehr von Rave The Planet und unseren Projekten. Mit unserem Newsletter bist du immer up to date. Ungefiltert, unkomprimiert, unkompliziert - direkt von der Quelle, unserem Headquater in Berlin. Frischer geht's nicht!