Artist Interview: André Winter

Artist Insights & Interviews

André Winter gehört zu den Artists, die sich nie über Lautstärke, sondern immer über Substanz definiert haben. Sein Sound ist klar, druckvoll, emotional und nie einfach nur zweckmäßig. Dahinter steckt ein feines Gespür für Energie, Atmosphäre und Vorstellungskraft. Über viele Jahre hinweg hat er sich so seinen ganz eigenen Platz im Techno erarbeitet: zwischen Studiofokus, internationalem Club(er)leben und seinem Anspruch an besonderer Entwicklung versus geloopter Repetition.

Im Gespräch mit Rave The Planet spricht André über die Entstehung seines Tracks „Noise“ für die Supporter Series (erschienen am 13.02.26), über kreativen Druck als produktive Kraft und über den Weg von frühen Projektnamen und Aliases hin zu einer künstlerischen Identität, die heute ganz bewusst unter dem eigenen Namen steht. Es geht um den Heimathafen Hamburg, um die Frage, wie Clubkultur auch kulturpolitisch ernst genommen werden muss, um Sichtbarkeit ohne Selbstdarstellungszwang und um seine Überzeugung, dass Techno nur dann lebendig bleibt, wenn es nach vorn gerichtet weitergeht. 


Noise im Kopf, Fokus im Track

RTP: Hallo André und danke für deine Zeit heute, um dich ein bisschen ausfragen zu lassen! Das Wichtigste zuerst: Am 13.02. erschien die Rave The Planet Supporter Series #029 mit einem Track von dir. Dafür noch einmal herzlichen Dank von uns! Wie kam diese Kollab zustande und mit welcher Idee oder Haltung bist du an diesen Track herangegangen?

André: Ich wurde direkt von Rave The Planet angefragt, ob ich einen Track zur Supporter Series beitragen möchte. Die Idee für den Track ist dann aus dem Prozess entstanden, aus der Deadline, die immer näher kam. Dieses Gefühl von Druck, Fokus und gleichzeitig tausend Dinge, die ständig reinfunken. Der Track heißt Noise und genau darum geht’s auch im Text: sich zu konzentrieren und sich vom Noise nicht ablenken zu lassen, weder im Kopf noch außenrum.

RTP: Oha, spannende Entstehungsgeschichte, quasi echte Situationskreativität… *lacht*

André: Ja, in der Tat!

Studioarbeit André Winter
Studioarbeit

RTP: Du bist in Hamburg. Bist du ein echter „Hamburger Jung“?

André: Geboren bin ich in Oldenburg, also streng genommen kein echter Hamburger Jung. Aber ich lebe jetzt schon lange in Hamburg und das ist definitiv meine Heimat. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu wohnen.

RTP: Was unterscheidet hanseatische Zurückhaltung aus deiner Sicht von anderen Techno-Metropolen in Deutschland, wie Berlin, Frankfurt, Köln oder München?

André: Klar, diese hanseatische Zurückhaltung gibt’s schon als Bild, aber ich finde, das trifft nicht immer zu. Wenn’s passt, dann geht hier auch was ab. Berlin würde ich da fast außen vor lassen, weil das einfach nochmal ein eigenes Level ist, das muss man schon anerkennen. Aber wenn man Berlin mal rausnimmt, finde ich die Unterschiede zwischen den deutschen Techno-Metropolen gar nicht so gravierend.

RTP: Sprechen wir mal über deine Laufbahn. Wenn man sich deine Entwicklung anschaut von der frühen Phase mit Projekten wie Freakazoid und Aliases wie D Saw bis zu internationalen Festivalbühnen: An welchem Punkt hat sich dein Selbstverständnis als Artist grundlegend verändert?

André: Ich glaub, das passiert nicht an einem Punkt, ich arbeite da immer noch dran. Aber in der Anfangszeit hab ich musikalisch ziemlich mäandert, einfach weil ich vieles ausprobieren wollte. Ich hatte, ich glaube, in den ersten zehn Veröffentlichungen auch ungefähr zehn verschiedene Projektnamen. Motion Unit, D Saw, Gate 28 und so weiter. Das fand ich damals ganz gut, weil ich mich auch gerne ein bisschen hinter den Projekten versteckt habe und es spannend fand, nach außen zu verwirren. Und oft war es auch so, dass man für verschiedene Labels unterschiedliche Namen brauchte. Irgendwann wurde mir das aber selber zu anstrengend. Die Idee, unter meinem eigenen Namen zu veröffentlichen, kam dann eher von außen. Daran musste ich mich erstmal gewöhnen, weil es ja kein klassischer Künstlername ist und dadurch alles direkter wird. Aber mittlerweile bin ich damit sehr zufrieden. Immerhin ist der Name auch relativ einfach auszusprechen, selbst im Ausland.

RTP: Stimme ich zu. In vielen Porträts wird dein Name mit einer klaren, funktionalen, aber gleichzeitig emotionalen Ästhetik im Techno verbunden. Wie würdest du selbst beschreiben, wofür du musikalisch und kulturell stehst und was bedeutet es dir, dass Techno auch außerhalb von Berlin in kulturpolitischen Programmen Gehör findet?

André: Ich bin am liebsten im Studio, ich bin eigentlich jeden Tag da. Ich liebe es, an Sounds zu arbeiten und Musik erstmal für mich zu machen. Klar denke ich auch daran, wie ein Track im Club funktioniert, aber bevor ich überhaupt ans Arrangement gehe, muss ich an diesen Punkt kommen, wo es mich selber catcht und ich wirklich was fühle. Wo ich merke, da baut sich Energie auf, da passiert etwas, das mich selber bewegt. Bis dahin bleibe ich oft in einem Loop und suche genau diesen Moment. Erst wenn der da ist, kann ich’s auf Strecke bringen und ausarbeiten und dann entsteht auch diese klare, funktionale Ästhetik. Und dass Techno auch außerhalb von Berlin in kulturpolitischen Programmen Gehör findet, finde ich grundsätzlich sehr positiv. Gerade weil Räume in Großstädten durch Gentrifizierung, Modernisierung und auch Kommerzialisierung immer kleiner werden und Kultur oft als erstes auf der Strecke bleibt. Wenn Metropolen da bewusst gegensteuern und Nachtkultur als Teil von Kultur verstehen, ist das ein wichtiges Signal.

André Winter hinter den decks bei einem Festival
Hinter den decks

RTP: Okay, zu der Sache mit dem Loop und dem Moment: Ist das immer individuell, ob es dann schnell oder weniger schnell „Klick“ macht? Beziehungweise, wie viele solcher Ideen münden ungefähr später in einem fertigen Track?

André: Das mit dem Klick hast du gut gesagt, denn den gibt es wirklich. Eigentlich gibt es da schon eine Art Routine, die wichtig ist, gerade wenn man auch mit anderen Leuten arbeitet und am Ende ein Ergebnis braucht. Gleichzeitig kann man das aber nicht immer erzwingen, und natürlich gibt es Momente, in denen man nicht weiterkommt. Dann gibt es für mich zwei Möglichkeiten. Entweder ich mache einfach weiter, bis sich wieder ein Fortschritt einstellt, oder ich lenke mich kurz ab, mache eine Pause oder gehe mal raus und setze dann nochmal neu an. In der Regel münden die Ideen aber schon in fertigen Tracks. Wenn ich etwas zur Seite lege, fasse ich es meistens später auch nicht nochmal an. Dann war die Grundidee wahrscheinlich einfach nicht stark genug.

RTP: Und zum zweiten Teil: Was wäre eine prinzipielle Idee oder Ansatz, um weiterhin Szene-Räume einerseits zu erhalten, aber auch neue zu erschaffen, wenn Kulturetats immer knapper und überhaupt die Hürden auf behördlicher und monetärer Seite immer krasser werden? Auch ein UNESCO-Label hilft ja zwar in der Außenwahrnehmung aber nicht automatisch bei einem strukturellen Umdenken in Ministerien.

André: Ich glaube, es braucht vor allem das Verständnis, dass Clubkultur Teil von Stadtkultur ist und nicht nur Event. So lassen sich auch langfristigere Strukturen schaffen, statt immer nur temporäre Lösungen. Gleichzeitig kommt viel aus der Szene selbst, und die muss sich auch entwickeln können, das braucht Zeit. Kleine, unabhängige Räume oder temporäre Formate waren schon immer ein Motor. Wichtig ist, dass solche Initiativen nicht nur geduldet werden, sondern auch eine gewisse Planungssicherheit bekommen. Am Ende geht es um eine Balance. Rahmenbedingungen schaffen, die Kultur nicht verdrängen, damit bestehende Räume bleiben und neue entstehen können.

André Winter sitzt auf einer Mauer (Pressebild)

Stillstand ist keine Option

„Ich will schon das Gefühl haben, dass da immer noch Entwicklung drin ist.“

André Winter

RTP: Kommen wir mal zur Arbeit hinter den Decks. Du hast über die Jahre hinweg ja in sehr unterschiedlichen Kontexten gespielt, von intimen Clubs bis zu großen Open Air Festivals. Was lernt man als Artist über sich selbst, wenn man zwischen diesen Welten wechselt?

André: Ich glaub, man lernt durch das viele Reisen vor allem über sich selbst. Man ist raus aus der eigenen Bubble, hat viel Zeit zum Nachdenken und wird automatisch reflektierter, gerade wenn man weiter weg ist. Die Clubs und Abläufe sind heute oft ziemlich standardisiert, die meisten DJ Booths sehen weltweit mittlerweile fast gleich aus. Der Unterschied ist eher das Drumherum, Stadt, Leute, Kontext. Und natürlich die Energie auf dem Floor, die ist überall anders. Und genau das bleibt am Ende hängen.

RTP: Clubs, Kollektive und lokale Szenen gelten oft als das Rückgrat der elektronischen Musik. Welche Orte oder Strukturen haben dich persönlich am stärksten geprägt und warum?

André: Ich war ehrlich gesagt nie so richtig Teil eines Kollektivs oder einer klassischen lokalen Szene. Mich hat eher mein direktes Umfeld geprägt, die Leute, mit denen ich arbeite, die mich begleiten und die Art, wie man sich gegenseitig beeinflusst und weiterentwickelt. Am Ende sind’s weniger Strukturen, sondern Beziehungen und Zusammenarbeit, die über Jahre wachsen.

Pressebild von André Winter vor einer gekachelten Wand

RTP: Verstehe. Wie nimmst du denn den Wandel der europäischen Clubkultur in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren wahr?

André: Ich würd sagen, es ist alles gleichzeitig, aber nicht in eine Richtung. Vieles ist professioneller geworden, Produktion, Technik, Booking Strukturen, auch die Abläufe. Gleichzeitig gibt’s an anderen Stellen auch wieder mehr Chaos oder weniger Professionalität, weil alles schneller und kurzfristiger geworden ist. Kommerzieller ist es sicher auch geworden, aber ich sehe auch einen Gegentrend. Es gibt nach wie vor viele Leute, die bewusst gegen Eventisierung arbeiten und versuchen, Dinge klein, roh und unabhängig zu halten. Und politischer ist es auf jeden Fall geworden.

Professioneller, politischer, widersprüchlicher

RTP: Blicken wir mal auf deine Milestones. Welche Karrierestation war für dich ein echter Wendepunkt?

André: Ich hatte nicht diesen einen Release oder dieses eine Datum, wo auf einmal alles anders war. Für mich war es lange gar keine Option, Musik wirklich zum Beruf zu machen, das gab’s in meinem Umfeld so nicht. Ich hab das deshalb immer parallel gemacht. Aber ich bin halt ständig wieder darauf zurückgekommen, und durch Aufträge und Projekte hat das irgendwann immer mehr Raum eingenommen. Bis ich mich irgendwann gefragt hab, warum ich mich eigentlich so dagegen wehre. Und dann war irgendwann klar, vielleicht ist das einfach mein Weg, und dann hab ich’s durchgezogen.

Volleskalation im Ritter Butzke Club Berlin
Volleskalation im Ritter Butzke Club Berlin

RTP: Also quasi natürlich reingewachsen. Und heute taucht dein Name regelmäßig im Kontext renommierter Labels, internationaler Line Ups und großer Festivals auf und du bist zugleich eng mit Senso Sounds von Oliver Huntemann verbunden Was bedeutet dir diese Art von Sichtbarkeit?

André: Mit Sichtbarkeit ist es bei mir so eine Sache, ich steh eigentlich nicht so gern im Mittelpunkt. Ich will lieber, dass die Musik spricht. In meiner Anfangszeit hab ich viel live gespielt, aber ich kam mit Druck und Lampenfieber irgendwann nicht gut klar. Deshalb hab ich mich dann bewusst aufs Studio konzentriert und mich da spezialisiert und in der Phase hab ich angefangen, erst Bands zu produzieren und später dann auch andere Artists und DJs. Oliver kenne ich im Grunde fast meine ganze Laufbahn, erst in Oldenburg, später dann in Hamburg. Darüber hat sich dann auch die Zusammenarbeit entwickelt. Und er war auch jemand, der mich irgendwann wieder motiviert hat, wieder aufzutreten. Durch diese lange Verbindung war es dann natürlich naheliegend, regelmäßig zu releasen.

RTP: Wie gehst du mit der Erwartungshaltung um, die entsteht, wenn man als „gesetzter Name“ im Techno wahrgenommen wird?

André: Ich glaub, der größte Druck kommt bei mir eher von mir selbst als von außen. Aber ich empfinde das gar nicht nur negativ, im Gegenteil. Dieser Druck ist auch mein Motor und meine Motivation. Der sorgt dafür, dass ich jeden Tag ins Studio gehe und versuche, mich weiterzuentwickeln. Und ich glaube, genau das muss am Ende immer das Wichtigste bleiben. Wenn das aufhört, verliert es seinen Sinn.

RTP: Du hast ja u.a. mit Tommahawk zusammengearbeitet für Soul Flight. Sie ist ja auch inzwischen eng mit RTP verbunden. Solche Kollabs sind sicher spannend, insbesondere wenn unterschiedliche Generationen und Erfahrungsvorsprünge im Studio aufeinandertreffen, oder?

André: Ich würde das gar nicht so sehr in Generationen denken. Ich arbeite mit ganz unterschiedlichen Leuten zusammen in unterschiedlichen Phasen ihrer Karriere. Und das Spannende ist eigentlich immer der Austausch. Jeder bringt andere Perspektiven, Energien, Ideen oder Sounds rein. Am Ende lernt man voneinander, egal wer wie lange dabei ist. Mir macht es generell unheimlich viel Spaß, mit anderen Leuten zu arbeiten, weil man direktes Feedback bekommt. Ich mag diesen persönlichen Austausch, weil man den Charakter einer Person viel besser in der Musik abbilden kann. Deshalb arbeite ich auch ungern auf Distanz, ich bevorzuge es, wirklich zusammen im Raum zu sein.

André Winter steht in einem tief verschneiten Hof einer Wohnblocksiedlung
Winter in der Hansestadt (im wahrsten Sinne)

RTP: Ist ja auch noch mal wesentlich direkter, als sich gegenseitig Spuren zu schicken, weil man in Echtzeit zusammen kreativ wirkt. Und apropos Direktheit: Wie wichtig oder nervig ist eigentlich Eigenmarketing per Social Media für dich?

André: Social Media ist leider mein Endgegner, das ist ehrlich gesagt der Teil, der mir am wenigsten Spaß macht, weil es mir einfach Zeit für das Kreative nimmt. Ich weiß natürlich, dass es heutzutage mindestens genauso wichtig ist wie der Output selbst, an manchen Stellen vielleicht sogar noch mehr. Und genau das finde ich manchmal schwierig, weil Social Media in der Wahrnehmung oft einen sehr hohen Stellenwert bekommen hat.

Keine Templates, keine Stillstände

André Winter im Studio von hinten

RTP: Siehst du dich eher als Teil einer Traditionslinie im Techno oder als jemand, der aktiv neue Pfade öffnen will?

André: Definitiv neue Pfade öffnen. Das muss nicht unbedingt bei jedem Track komplett offensichtlich sein, aber es sollte irgendwie über dem Ganzen stehen. Ich hab wenig Interesse daran, einfach nur zu reproduzieren, was schon funktioniert. Ich will schon das Gefühl haben, dass da immer noch Entwicklung drin ist. Um das auch praktisch zu unterstreichen, arbeite ich zum Beispiel nie mit Templates. Ich fange eigentlich jeden Track bei null an.

RTP: Und wenn wir auf neue Tracks von dir blicken: Kannst du einen kleinen Sneak geben, was man in naher Zukunft Neues von dir erwarten darf?

André: Nach der Supporter Series mit meinem Track „Noise“ steht ein Re-Release von Sismique an. Ein paar Remixe sind in Arbeit, außerdem eine neue Single, ein neues Release auf Senso Sounds, und es kommt der zweite Teil meiner Compute Serie, auch wieder als Vinyl

RTP: Mega, wir sind gespannt! Abschlussfrage in dich: Du ziehst privat los. Wo würde man dich am ehesten antreffen?

André: Momentan schau ich mir privat tatsächlich ganz gerne Konzerte an. Ich glaube, im letzten Jahr war ich öfter im Hafenklang auf Indie Konzerten als privat in Clubs, obwohl ich da eh oft genug bin. Das ist dann eher der Ausgleich.

RTP: Danke dir für den Austausch!

André Winter – Noise

auf der SUPPORTER SERIES #029

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Cover of Supporter Series no. 29

Schnelles über André Winter zum Schluss

Selbstbeschreibung: Zuversichtlich

Sound: Habe gerade eine Darkwave-Phase

Kann ich richtig gut: Nehme ich mir nicht raus

Kann ich überhaupt nicht: Mich beschreiben

Mag ich: Franzbrötchen

Mag ich nicht: Ungerechtigkeit

Wichtigstes Engagement außerhalb von Musik: Weitergeben

Was du der Welt mitteilen möchtest: Don’t force it


Autor: Kay Barton, Rave The Planet Onlineredaktion

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