Berlin-Wahl 2026: Was das Ergebnis für Clubs und Technokultur bedeutet

Was jetzt zählt

Berlins Clubkultur steht wirtschaftlich und räumlich unter Druck. Nach der Abgeordnetenhauswahl vom 20. September rücken deshalb Fragen in den Mittelpunkt, die weit über den Dancefloor hinausreichen: Wer schützt Kulturorte vor Verdrängung? Wie werden Clubs gefördert? Wo darf nichtkommerzielle Kultur stattfinden? Und welchen Platz bekommt Technokultur künftig in einer Stadt, die sich immer weiter verdichtet?

Die Berlin-Wahl verändert zunächst politische Mehrheiten. Sie rettet noch keinen Club, schafft keinen neuen Freiraum und löst keinen Nutzungskonflikt. Genau deshalb beginnt die für die Technokultur entscheidende Phase eigentlich erst jetzt.

Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis wurde Die Linke mit 25,7 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft, gefolgt von CDU mit 18,8 Prozent, AfD mit 16,3 Prozent, Grünen mit 14,3 Prozent und SPD mit 12,1 Prozent. Welche Regierung daraus entsteht, ist noch offen. Die Linke strebt derzeit Gespräche mit Grünen und SPD an, während auch eine Konstellation aus CDU, Grünen und SPD rechnerisch über eine Mehrheit verfügt.

Für Club- und Technokultur ist diese noch ungeklärte politische Konstellation entscheidend. Denn Wahlprogramme beschreiben zunächst Absichten. Erst Koalitionsvertrag, Haushaltsbeschlüsse, Gesetze und Verwaltungspraxis zeigen, was davon tatsächlich umgesetzt wird.

Volle Dancefloors, dünne Margen

Die politische Debatte trifft auf eine Szene, deren Problem sich inzwischen ziemlich präzise beschreiben lässt: Es fehlt nicht unbedingt an Menschen, die Clubkultur erleben wollen. Es fehlt zunehmend an den Bedingungen, unter denen sie wirtschaftlich und räumlich bestehen kann.

Die im August veröffentlichte Studie „Clubkultur Berlin 2026“ zeigt diesen Widerspruch deutlich. 83 Prozent der befragten Clubs und Veranstaltenden berichten von einer durchschnittlichen Auslastung von mindestens 50 Prozent, ein Drittel sogar von mehr als 75 Prozent. Gleichzeitig schlossen 39 Prozent das Geschäftsjahr 2025 mit Verlust ab. 2017 waren es noch 21 Prozent.

Auch das Geschäftsmodell hat sich verschoben. 2017 kamen rund 60 Prozent der Einnahmen aus Gastronomie und Getränkeverkauf, Eintrittsgelder machten 21 Prozent aus. 2025 ist das Verhältnis beinahe umgekehrt: 59 Prozent der Einnahmen stammen aus Eintrittsgeldern, nur noch 20 Prozent aus Gastronomie und Getränken.

Die Zahlen legen nahe: Die aktuelle Krise ist zumindest nicht primär eine Nachfragekrise. Sie ist ebenso eine Frage von Kosten, Mietverhältnissen, Planungssicherheit, Flächen und politischen Rahmenbedingungen.

Genau dort kann Landespolitik eingreifen.

Spielstättenförderung: Aus Projektförderung soll Struktur werden

Ein auffälliger Punkt im Wahlkampf war, wie konkret Clubförderung inzwischen diskutiert wird.

Wahlsieger Die Linke kündigt in ihrem Programm erstmals eine eigene Spielstättenförderung für Clubs an, insbesondere für kuratierte Programme und gesellschaftspolitisch engagierte Orte. Zusätzlich will sie den Schallschutzfonds ausbauen, Genehmigungsverfahren vereinfachen und öffentliche Räume leichter für unkommerzielle Freiluftveranstaltungen zugänglich machen.

SPD und Grüne schlagen ebenfalls eigene Förderstrukturen vor. Die SPD nennt ausdrücklich eine erstmalige Spielstättenförderung für die Clubwirtschaft und will Empfehlungen der Berliner Nachtökonomie-Strategie umsetzen. Die Grünen sprechen von einer eigenen Förderkulisse für Clubs mit kuratierten Programmen sowie von strukturorientierter Förderung, die über einzelne Projekte hinaus Planungssicherheit schaffen soll.

Die CDU setzt in den Wahlprüfsteinen der Clubcommission stärker auf bestehende Fördermöglichkeiten, langfristige Sicherung von Standorten in landeseigenen Immobilien sowie vereinfachte Verwaltungs- und Genehmigungsverfahren.

Hier zeigt sich bereits eine zentrale Debatte der kommenden Legislaturperiode: Soll Clubkultur hauptsächlich bessere Rahmenbedingungen bekommen oder braucht sie zusätzlich eine dauerhafte Kulturförderung, vergleichbar mit anderen Spielstätten?

Genau diese Frage dürfte in den Koalitionsverhandlungen konkret werden.

Schallschutz ist Kulturpolitik und Stadtentwicklung zugleich

Schallschutz klingt zunächst technisch. Tatsächlich berührt er eine der grundsätzlichen Konfliktlinien einer wachsenden Stadt.

Berlin fördert seit 2018 bauliche Schallschutzmaßnahmen in Clubs und Musikspielstätten. Aktuell werden über das Programm jedoch keine neuen Anträge angenommen. Gleichzeitig existiert bereits eine Förderrichtlinie für 2026 und 2027.

Das Problem liegt tiefer als bei einzelnen schallgedämmten Fenstern oder Türen. Wenn Wohnbebauung an bestehende Kulturorte heranrückt, entstehen Nutzungskonflikte, bei denen die Frage lautet: Wer muss sich an wen anpassen?

CDU, SPD, Grüne und Linke bekennen sich in den Wahlprüfsteinen der Clubcommission grundsätzlich dazu, Clubs stärker als Kulturorte anzuerkennen. Unterschiede bestehen bei den konkreten Instrumenten. Genannt werden unter anderem Änderungen im Bundesbaurecht, Reformen beim Lärmschutz, Kulturschutzgebiete, planungsrechtliche Absicherung und Förderinstrumente.

Das ist deshalb relevant, weil Berliner Clubs bundesrechtlich in zentralen Regelwerken weiterhin nicht selbstverständlich so behandelt werden wie Theater oder andere Kulturstätten.

Räume sind die eigentliche Währung der Technokultur

Förderung hilft wenig, wenn der Ort verschwindet.

Das RAW-Gelände zeigt exemplarisch, wie kompliziert solche Prozesse sind. Noch im Juni standen dort mehrere Kulturorte nach Angaben von Bezirk und Clubcommission vor einer existenziell unsicheren Zukunft. Im August erzielten Bezirk, Senatsverwaltung und Eigentümerin eine Vereinbarung über einen Mietvertrag für das soziokulturelle Areal und die weitere städtebauliche Entwicklung. Dauerhafte Sicherung, Wohnungsbau, Gewerbe und Schallschutz müssen dort nun innerhalb eines gemeinsamen Planungsprozesses miteinander verbunden werden.

Blick auf das RAW-Gelände
Blick auf das RAW-Gelände, Foto: Tomasz Guiddo

Das Beispiel zeigt etwas ganz Grundsätzliches: Kulturpolitik beginnt nicht erst bei der Vergabe von Fördermitteln.

Sie beginnt im Bebauungsplan, bei Grundstückspolitik, Gewerbemieten, Zwischennutzungen, Genehmigungen und der Frage, welche Nutzungen bei der Entwicklung neuer Quartiere von Anfang an vorgesehen werden.

Der Kampf um Clubkultur ist deshalb zunehmend auch ein Kampf um Stadtentwicklung. In was für einer Stadt wollen wir leben?

Technokultur endet nicht an der Clubtür

Aus Sicht von Rave The Planet greift die Debatte allerdings zu kurz, wenn sie ausschließlich über Clubs geführt wird.

Die Deutsche UNESCO-Kommission beschreibt Technokultur in Berlin als eine lebendige Kulturform rund um Musik und Tanzveranstaltungen. Dazu gehören neben Clubs ausdrücklich auch Raves sowie Wissen und Fähigkeiten, die innerhalb der Szene weitergegeben und fortentwickelt werden.

Dass diese Kultur heute offiziell als Immaterielles Kulturerbe anerkannt ist, geht auf eine Initiative von Rave The Planet zurück. Unser Projektteam recherchierte, entwickelte und koordinierte den Antrag zur Aufnahme der „Technokultur in Berlin“ in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes und begleitete den mehrjährigen Anerkennungsprozess. Im März 2024 wurde der Antrag schließlich erfolgreich beschieden.

Mehr über die Rave-The-Planet-Initiative und den Antrag erfahren

Damit wird ein wesentlich größerer kultureller Zusammenhang sichtbar.

Technokultur lebt in Clubs, aber auch in Studios, Kollektiven und Labels. Sie lebt auf Festivals und bei nichtkommerziellen Open Airs, in musikalischer Bildung, Nachwuchsförderung und temporären Kulturorten. Und sie lebt im öffentlichen Raum.

Berlin hat dafür sogar eine eigene historische Ausdrucksform hervorgebracht: die Tanz- und Musikdemonstration.

Die erste Loveparade zog am 1. Juli 1989 unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ über den Kurfürstendamm. Sie war als politische Demonstration angemeldet und verband Musik und Tanz von Beginn an mit gesellschaftlichen Forderungen.

Diese Verbindung von Demonstrationskultur und elektronischer Musik gehört zur Berliner Technogeschichte. Rave The Planet führt diese Form heute als politische Tanz- und Musikdemonstration fort.

Deshalb betrifft die Frage nach kulturellen Freiräumen nicht nur Räume hinter Türen, sondern auch Plätze, Straßen und temporär nutzbare Flächen.

Free Open Airs sind kein Nebenthema

Bemerkenswert ist, dass genau diese Frage inzwischen in mehreren Wahlprogrammen und den Wahlprüfsteinen der Clubcommission auftaucht.

CDU, SPD, Grüne und Linke formulieren jeweils unterschiedliche Ansätze, um nichtkommerzielle Open Airs und kulturelle Nutzungen im öffentlichen Raum einfacher zu ermöglichen. Diskutiert werden unter anderem ausgewiesene Flächen, schnellere und standardisierte Genehmigungsverfahren, feste Ansprechpartner:innen und eine berlinweit bessere Koordination.

Das ist kulturpolitisch wichtiger, als es zunächst klingt.

Denn eine lebendige Subkultur entsteht selten ausschließlich dort, wo bereits eine voll ausgestattete und genehmigte Kulturimmobilie existiert. Berlin wurde kulturhistorisch gerade deshalb produktiv, weil immer wieder temporäre Räume, Brachen und Zwischenzustände genutzt werden konnten.

Die politische Herausforderung besteht deshalb darin, Sicherheit, Anwohnerinteressen und Verwaltung mit der Möglichkeit kultureller Experimente zusammenzubringen.

Kulturerbe ist Anerkennung, aber noch kein Bestandsschutz

Rave The Planet Parade 2026, Photo by Tomasz Guiddo @guiddolomo
Rave The Planet Parade 2026, Photo by Tomasz Guiddo

Die Aufnahme der Technokultur in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes war ein kulturpolitischer Meilenstein. Sie bedeutet jedoch nicht automatisch, dass ein Club nicht gekündigt werden kann, eine Fläche kulturell genutzt werden darf oder eine Veranstaltung finanziert wird.

Immaterielles Kulturerbe lebt nach dem Verständnis der Deutschen UNESCO-Kommission gerade dadurch, dass Menschen es praktizieren, weitergeben und weiterentwickeln.

Daraus ergibt sich ein interessanter Widerspruch:

Berlin erkennt die Technokultur inzwischen offiziell als schützenswerte lebendige Kulturform an. Gleichzeitig kämpfen viele der Orte und Strukturen, in denen diese Kultur tatsächlich entsteht, weiterhin mit hohen Kosten, unsicheren Mietverhältnissen und Nutzungskonflikten.

Die politische Aufgabe der kommenden Jahre wird deshalb darin liegen, kulturelle Anerkennung in konkrete Rahmenbedingungen zu übersetzen.

Woran sich die kommende Berliner Kulturpolitik messen lässt

Für die Technokultur werden deshalb weniger einzelne Wahlkampfversprechen entscheidend sein als vielmehr einige sehr konkrete Fragen:

  • Kommt tatsächlich eine verlässliche Spielstättenförderung?
  • Wird der Schallschutzfonds ausreichend ausgestattet und dauerhaft zugänglich?
  • Werden Kulturorte bei neuen Bauprojekten frühzeitig berücksichtigt?
  • Können landeseigene Räume und temporäre Flächen stärker für Kultur genutzt werden?
  • Werden nichtkommerzielle Open Airs einfacher und rechtssicherer möglich?
  • Und wird Technokultur künftig als zusammenhängendes kulturelles Ökosystem verstanden, das Clubs ebenso umfasst wie Produktion, Nachwuchsarbeit, Kollektive, Festivals und kulturelle Ausdrucksformen im öffentlichen Raum?

Die Clubcommission hatte genau solche strukturellen Fragen vor der Wahl in zehn Wahlprüfsteinen an CDU, SPD, Grüne und Linke gestellt.

Die Wahl war erst der Anfang

Die Berlin-Wahl 2026 hat noch keine dieser Fragen beantwortet. Sie hat lediglich neu bestimmt, wer sie politisch beantworten muss.

In den Programmen mehrerer Parteien finden sich inzwischen bemerkenswert konkrete Aussagen zu Spielstättenförderung, Schallschutz, Kulturflächen, Open Airs und der Anerkennung von Clubs als Kulturorte. Das ist zunächst ein Signal dafür, dass Clubpolitik längst nicht mehr ausschließlich ein Nischenthema des Nachtlebens ist.

Was davon Wirklichkeit wird, entscheidet sich jedoch nicht in Wahlprogrammen, sondern in den kommenden Monaten bei Koalitionsverhandlungen, Haushalten, Bebauungsplänen und in der täglichen Verwaltungspraxis.

Für Berlin geht es dabei um mehr als die Frage, welche Clubs morgen noch öffnen.

Es geht darum, welche Bedingungen eine Stadt schaffen muss, damit eine lebendige Kultur nicht nur erinnert und ausgezeichnet wird, sondern weiterhin entstehen kann.

Und das betrifft auch die Straße.


 

FAQ: Berlin-Wahl 2026, Clubs und Technokultur

Was bedeutet die Berlin-Wahl 2026 für Berlins Clubs?

Unmittelbar verändert die Wahl noch keine Förderprogramme, Mietverträge oder Genehmigungen. Entscheidend sind nun Regierungsbildung, Koalitionsvertrag, Haushaltsentscheidungen und die konkrete Umsetzung in Verwaltung und Stadtplanung. Mehrere Parteien haben im Wahlkampf Maßnahmen zu Spielstättenförderung, Schallschutz, Kulturflächen und Open Airs angekündigt. Welche davon tatsächlich umgesetzt werden, ist derzeit noch offen.

     

Was ist eine Spielstättenförderung?

Eine Spielstättenförderung unterstützt nicht nur einzelne Veranstaltungen, sondern die Orte selbst, an denen Kultur dauerhaft stattfindet. Für Clubs kann das bedeuten, kuratierte Programme, kulturelle Arbeit und Strukturen verlässlicher zu finanzieren. In der Berliner Debatte 2026 spielt genau diese strukturelle Förderung eine zentrale Rolle.

     

Ist Techno UNESCO-Kulturerbe?

Präzise formuliert: „Technokultur in Berlin“ ist seit 2024 im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes eingetragen. Die Initiative und der Antrag dafür gingen von Rave The Planet aus. Es handelt sich nicht um eine Aufnahme in die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit, sondern um die nationale Anerkennung im Rahmen des UNESCO-Übereinkommens.

     

Warum betrifft Clubpolitik mehr als nur Clubs?

Technokultur entsteht nicht ausschließlich in festen Spielstätten. Sie lebt ebenso in Raves, Kollektiven, Studios, Open Airs, Festivals, temporären Kulturorten und im öffentlichen Raum. Dazu gehört in Berlin auch die Tradition der Tanz- und Musikdemonstration. Wer Technokultur langfristig erhalten will, muss deshalb nicht nur Clubs schützen, sondern auch Freiräume, kulturelle Nutzungsmöglichkeiten und die Weitergabe dieser Kultur ermöglichen.


 

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