Team-Interview: Chris Bellevue
Head of Photography 2025 & Intermedial Artist
Dokumentation, Content für Socials und Websites oder einfach geile Erinnerungen – für all das braucht’s Leute mit einem richtig guten Auge und dem Gespür für den Moment. Bei einer Großdemonstration wie Rave The Planet reicht keine einzelne Kamera – da muss gleich ein ganzes Team von Fotograf:innen unterstützen – ehrenamtlich, versteht sich, aus Lust am Engagement und aus Liebe zur elektronischen Musik.
Das Ganze passiert nicht nur am großen Tag selbst, sondern übers ganze Jahr verteilt: Panels, Clean-Ups, Special-Events – überall muss festgehalten werden, was abgeht. Damit alles reibungslos läuft braucht es jemanden, der den Überblick behält. Genau hier kommt Chris Bellevue ins Spiel.
Chris ist Fotograf, Intermedial Artist und schon lange bei Rave The Planet mit der Kamera unterwegs. Seine Reise hat in Köln angefangen: Schon als Teenager machte er Licht und Sound für Theater, Karneval und Partys. Später gründete er seine eigene Technikfirma und studierte Veranstaltungstechnik. In diesem Jahr bringt er sich als „Head of Photography“ bei uns ein und führt eine knapp 30-köpfige Foto-Crew an. Sein Ziel: nicht nur epische Shots von Floats, DJs und tanzenden Raver:innen zu liefern, sondern auch die ganzen Menschen hinter den Kulissen zu zeigen – die Sanis, Volunteers, Awareness-Crews, Deko-Teams. Für Chris ist Rave The Planet nicht einfach ehrenamtliche Arbeit. Es ist ein Movement, pure Energie und die Möglichkeit, die Message von Liebe, Frieden und Zusammenhalt in Bildern zu verpacken, die jeder fühlen kann.
Wie die Momente ihren Weg ins Bild finden
RTP: Hi Chris, schön, dass wir heute Zeit finden, uns zu unterhalten. Heute geht’s um dich und um Fotos und konkret natürlich um die Erstellung von Fotos bei Rave The Planet. Kannst du uns, bevor wir einsteigen, vielleicht kurz ein bisschen über die Person Chris Bellevue und deinen beruflichen Werdegang erzählen?
Chris: Hey, danke für die Einladung zum Interview. Audiovisuelles war schon immer mein Thema. Das begann mit Lichttechnik. Ich wollte schon immer Beleuchtungsmeister werden. In der Schule war ich in der Theater-AG und hab beim Karneval bei Technik und Beleuchtung mitgeholfen. In der Pfarrgemeinde bin ich erst auf die Discos gegangen – später habe ich sie selbst organisiert. Irgendwann, ich war immer noch Teen, habe ich meine eigene Technik gekauft ein Gewerbe gegründet und die Sachen vermietet. Parallel und während der Schulzeit habe ich schon bei einem der größten Licht- und Tonverleiher Deutschlands gearbeitet, die heute zum weltweit größten Konzertausstatter-Konzern gehören. Zeitgleich lief meine eigene Firma. Dann kam mein Studium: MA Veranstaltungstechnik und Veranstaltungsmanagement. Gearbeitet habe ich in meiner Firma, in Opern, Theatern, bei Konzerten, in Veranstaltungsorten, in Babelsberg…

RTP: Ist das alles in Berlin passiert?
Chris: Nein, früher habe ich in Köln gelebt und bin erst später nach Berlin gezogen.
RTP: Und seit wann bist du bei Rave The Planet und wie bist du letztlich bei uns gelandet?
Chris: Ich war von Anfang an mit der Kamera dabei. Ich fand’s großartig, dass in Berlin wieder auf der Straße des 17. Juni eine Parade stattfand. Vor zwei Jahren wurde mir der Posten im Media-Team übergeben.
RTP: Und wie findest du’s bisher so bei uns (lacht)?
Chris: Also, Rave The Planet bedeutet mir sehr viel – vor allem als Demo. Es ist toll, Teil eines so großartigen Teams zu sein. Dr. Motte und Ellen Dosch-Roeingh machen da wirklich etwas Besonderes. Die Energie steckt an! Wir teilen die Botschaft der Liebe – „Spread LOVE!“. In der Techno-Community gibt’s einen echten Teamgeist. Wir unterstützen uns gegenseitig – das ist eine tolle Erfahrung.
RTP: Das stimmt. Kannst du mal beschreiben, was genau du jetzt bei uns machst und wie deine Arbeit typischerweise so abläuft?
Chris: Ich koordiniere, wie in diesem Jahr, ein Team von fast 30 Fotograf:innen – Videos gehören auch dazu. Wir machen alle Aufnahmen für Veröffentlichungen. Die Fotos vom Team und meine eigenen erscheinen auf der Website und in den sozialen Medien. Wir dokumentieren alle Trucks, alle DJs auf unserem Float, und natürlich den Spirit der ganzen Parade. Auch internationale Medien nutzen unser Material – immer mit Nennung der Urheber. Manche Videos haben mehr Aufrufe als die Parade Teilnehmer!
RTP: Oh ja, da gibt es sogar einige Clips mit über einer Million Klicks. Aber du bist ja auch außerhalb vom Paradetag mit der Kamera unterwegs, wie genau sieht das aus?
Chris: Richtig, ich versuche nicht nur am Demo-Tag und beim Aufbau dabei zu sein, sondern auch bei Aktionen übers Jahr wie Panels, Clean-Ups etc. Und inzwischen machen wir auch eben öfter auch Videos, um mehr Menschen zu erreichen.
RTP: Darf man fragen, welches Equipment du nutzt?
Chris: Klar, ich arbeite mit zwei Bodies, Nikon und Olympus, die zwei Olympus mit je einem anderen Teleobjektiv, um sowohl ganz nah an die Menschen ranzukommen als auch mal die Floats am Horizont mit dem Brandenburger Tor am Horizont abzulichten.
RTP: Kuratierst du am Ende, was in die Öffentlichkeit gelangt?
Chris: Ja, das mache ich dann zusammen mit Ellen und Motte und übergebe die Vorselektion – die haben das letzte Wort.

RTP: Ein 30-köpfiges Team sagtest du… Wie viele Fotos entstehen eigentlich dann so ungefähr am Paradetag?
Chris: Einige Tausend! Das Team sortiert vor, und ich bekomme von allen eine Auswahl. Am Ende findet ein kleiner Teil den Weg ins Internet und vieles landet im Archiv für spätere oder einfach dokumentarische Zwecke.
RTP: Wie zeitintensiv ist denn deine Arbeit für Rave The Planet?
Chris: Die heiße Phase beginnt lange vor der Demo – besonders intensiv wird es in den letzten zwei Wochen. Über das Jahr verteilt ist es etwas ruhiger, so dass ich Zeit für eigene Aufträge und Projekte habe.

Den Spirit nicht nur festhalten, sondern transportieren
RTP: Kannst du in etwa sagen, wie du das Ganze dann für gewöhnlich planst, wenn du für uns unterwegs bist, also auf der Parade, aber auch bei unseren diversen Events und Aktionen im Laufe des Jahres?
Chris: Wir arbeiten meistens dokumentarisch, passen uns also dem Flow an. Vor Events informiere ich mich genau über Location, Wetter und Beteiligte etc. – damit alles sicher und gut in Szene gesetzt wird. Mir ist wichtig, nicht nur Artists zu fotografieren, sondern auch das fantastische Team: Sanis, Volunteers, Medien, Awareness, Deko, Orga … Ohne sie läuft nichts! Ich möchte ihre Arbeit sichtbar machen.
RTP: Abgesehen von deinen genannten Punkten, wie Lichtverhältnissen und Wetter – welchen Herausforderungen begegnest du typischerweise in deiner Arbeit?
Chris: Oft passieren viele Dinge gleichzeitig – da heißt es schnell reagieren, den Überblick behalten und trotzdem den Spirit rüberbringen.
RTP: Stellen wir uns vor, es ist wieder Paradetag. Wie läuft dein Tag jetzt ab?
Chris: Früh aufstehen! Am liebsten würde ich auch den „Roll-Out“ der Floats filmen – steht noch auf meiner Wunschliste. Dann geht’s in die Zentrale, Leute treffen, Teambesprechung, Einsatzpläne verteilen. Danach laufe oder fahre ich zur Parade. Ab der Auftaktkundgebung auf Float Nr. 1 läuft alles wie im Flow: Hunderte Fotos, Videos, Interviews. Ich versuche zwischendurch zu essen und viel Wasser zu trinken – damit ich den Tag durchhalte. Es ist eine irre, beflügelnde Erfahrung! Manchmal möchte man einfach vor Freude schreien, was bei dem Sound eh keiner hört. Gegen 22 Uhr wird’s ruhiger. Ich schicke eine kleine Bildauswahl zur schnellen Veröffentlichung raus – dann ins Bett… oder doch zur After-Party.

RTP: Wo wir beim Thema wären: Feiern und fotografieren ist vermutlich schwierig. Kannst du beides an solch einem Tag trotzdem gut kombinieren?
Chris: Auf jeden Fall. Die Stimmung ist so gut, dass es sich nach Feiern anfühlt – und trotzdem arbeite ich durch. Hunderttausende Menschen feiern friedlich zusammen. Das ist pure Liebe.
RTP: …und das alles im Takt der elektronischen Musik!
Chris: Ich habe schon einst die Loveparade erlebt – seitdem bin ich „infiziert“. Die Community ist ein Ort des Miteinanders, und ich möchte diese Botschaft mit meinen Bildern in die Welt tragen.

RTP: Hat dich denn die Arbeit bei Rave The Planet geprägt und das „Hinter-die-Kulissen-schauen“ deine Sicht in irgendeine Richtung beeinflusst?
Chris: Ich habe noch einmal stärker gespürt, wie wertvoll Gemeinschaft ist – egal welcher Background, wir gehen zusammen auf die Straße. Rave The Planet ist eine große Feier, bei der jeder Mensch seine eigenen, schönen und drogenfreien Erlebnisse machen kann.
RTP: Was war denn das Verrückteste, was dir mal passiert ist im Rahmen der Parade?
Chris: 2022 wollte ich mich bei der Demo mit meiner schwarzen Fotohose hinknien – der schwarze Truck-Boden war so heiß, dass ich sofort wieder hochgesprungen bin! Davon abgesehen ist es immer wieder schön, in der Menge Freunde zu entdecken!
RTP: Und gibt es einen besonderen Moment, der dir immer in Erinnerung bleiben wird?
Chris: Ja, das erste Mal auf Float Nr. 1 mitzufahren – von oben die ganze Strecke zu sehen und alle Trucks abzulichten, während unter mir die Raver tanzen. Unbeschreiblich!
RTP: Dem kann ich nichts weiter hinzufügen. Vielen Dank für den Talk!
Schnelles über Chris zum Schluss
Selbstbeschreibung: Lieber hinter der Kamera als davor
Sound: Techno, aber breit gefächerter Musikgeschmack, von Klassik (lange an der Oper gearbeitet) über Jazz bis hin zum Mainstream Pop- und Rock
Kann ich richtig gut: Mich auch über kleine Dinge freuen
Kann ich überhaupt nicht: Salto rückwärts
Mag ich: FRIEDEN für alle! (Ein Lied der Bläck Föös heißt: Et jibbt kein jrößer Leid, als wat dr Minsch sich selvs andeit), Sommer, Sonne, Himbeereis
Mag ich nicht: Extremismus in jeder Form
Wichtigstes Engagement und Aktivität in der Szene außerhalb von Rave The Planet: Meine Dokumentation von Obdachlosigkeit. Mich bewegt immer tief, wenn Menschen, die eher am Rand der Gesellschaft stehen, Optimismus ausstrahlen und Solidarität leben.
Was du der Welt mitteilen möchtest: Seid Menschen (Zitat von Margot Friedländer, die ich kurz vor ihrem Tod noch erleben und porträtieren durfte)
Autor: Kay Barton, Rave The Planet Onlineredaktion