Rave the Heritage

Livetalk zu Techno, Tradition und Transformation

Wieviel Vergangenheit braucht die Zukunft?

Ein Donnerstagabend in München. Die „Rote Sonne“ ist voll. Voller Fragen, voller Menschen, voller Geschichte – und voller Zukunft. „RAVE THE HERITAGE – Techno und Clubkultur als Immaterielles Kulturerbe?!“ lautete der Titel eines Panels, das weit mehr war als nur eine Diskussion über eine Anerkennung auf dem Papier. Es war ein Stimmungsbild, ein Stresstest, ein Zukunftscheck für eine Szene, die sich nicht einfangen lässt – und gerade deshalb kulturelles Erbe ist.

Rund 240 Interessierte hatten sich im Vorfeld angemeldet, obwohl der Club nur gut 100 Sitzplätze bot. Das zeigt: Die Debatte bewegt. Und sie spaltet nicht, wie oft behauptet – sondern verbindet. Eine Umfrage unter den Anwesenden ergab eine deutliche Mehrheit: Nur zwei Stimmen sprachen sich dagegen aus, Technokultur als Kulturerbe zu begreifen. Der Rest? Sah in der Anerkennung der „Technokultur in Berlin“ vor allem eine Chance – und eine Ansage.

Talkgäste von links: Upstart, Dr. Motte, Ferdinand Meyen, Sanne Kurz, Dr. Helmut Groschwitz, Ellen Dosch-Roeingh und Moderator Prof. Dr. Manuel Trummer | Foto: Kai Neunert, BAdW

Zwischen Anerkennung und Aufbruch

Von Anfang an war klar: Das wird kein gemütlicher Talkabend. Als am Rave The Planet gemeinsam mit dem Institut für Volkskunde München in den Club „Rote Sonne“ einlud, ging es nicht um nostalgische Rückblicke. Es ging ums Eingemachte: Was bedeutet es, wenn Techno – einst subversive Subkultur – zum Immateriellen Kulturerbe wird? Was gewinnt die Szene dadurch? Und was droht ihr womöglich zu entgleiten?

UNESCO-Anerkennung: Freudentränen & Streitpunkte

Moderator Prof. Dr. Manuel Trummer, Kulturwissenschaftler und Mitglied des Fachkomitees Immaterielles Kulturerbe, eröffnete den Abend mit einer klaren Einladung zum Dialog – zwischen Wissenschaft, Szene, Medien und Politik. Die erste Frage ging an Dr. Motte und Ellen Dosch-Roeingh von Rave The Planet: Wie war der Moment, als ihr von der UNESCO-Anerkennung erfahren habt?

Die Antwort war emotional: Dr. Motte skizzierte den jahrzehntelangen Weg von den Anfängen 2011 bis zur offiziellen Anerkennung am 13. März 2024. Es sei ein Akt des langen Atems gewesen, letztlich aber doch überraschend schnell gegangen – und ein Moment der Rührung: „Freudentränen, wir konnten es kaum glauben. Ellen hat vor Freude getanzt.“

Was ist Immaterielles Kulturerbe?

Im Gegensatz zu Bauwerken, Denkmälern oder Museen geht es beim Immateriellen Kulturerbe nicht um etwas, das man anfassen kann – sondern um lebendige kulturelle Praktiken: Feste, Rituale, darstellende Künste, überliefertes Wissen oder auch Formen des gemeinsamen Musizierens, Erzählens oder Gestaltens.

Es sind Ausdrucksformen, die von Menschen weitergegeben, verändert, belebt und neu interpretiert werden – über Generationen hinweg. Genau dadurch bleiben sie lebendig.

Seit 2003 schützt die UNESCO diese Formen kultureller Praxis weltweit. Auch in Deutschland gibt es ein offizielles Verzeichnis: das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Es würdigt nicht nur Traditionen, sondern vor allem die Menschen und Gemeinschaften, die sie leben und weiterentwickeln.

Beispiele für immaterielles Kulturerbe sind Capoeira in Brasilien, Yoga in Indien, Reggae in Jamaika und – seit 2024 – auch die Technokultur in Berlin.

Mehr dazu auf der Website der UNESCO.

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Kritik von innen – und außen: Der Blick auf Detroit

Doch dann wurde es ernst. Moderator Trummer griff den kritischen Kommentar von Ferdinand Meyen (BR Zündfunk) auf, der wenige Tage nach der Anerkennung erschien. Darin kritisierte Meyen die fehlende Sichtbarkeit der afroamerikanischen Ursprünge des Techno – etwa in Detroit – und stellte die Frage, ob eine solche Auszeichnung nicht letztlich eine Vereinnahmung darstelle.

Einen ähnlichen Ton hatte auch ein Beitrag auf Resident Advisor angeschlagen, in dem der Detroiter Künstler Tajh Morris fragte:

„Berlin didn’t invent Techno. So why no mention of Detroit in the UNESCO Honour?“

Die Antwort von Rave The Planet fiel klar aus: „Berlin beansprucht nicht die Urheberschaft des Techno – das haben wir nie getan“, so Ellen Dosch-Roeingh. „Unser Antrag benennt explizit die Wurzeln u. a. in Detroit, Chicago und der queeren Szene in New York.“ Es ginge bei der Technokultur in Berlin eben nicht um ein kulturelles Copyright, sondern um eine besondere lokale Ausprägung. Techno sei mehr als nur ein Sound – sondern auch das, was die internationalen Communities und Städte, wie Berlin, daraus gemacht haben.

Musealisierung, Kapitalismus und Realität

Die Diskussion drehte sich weiter: Sanne Kurz, Mitglied des Bayerischen Landtags und Kulturpolitikerin der Grünen, warnte vor einer Überhöhung der Vergangenheit: „Ich glaube nicht, dass man den Upstart und Dr. Motte musealisieren kann.“ Kultur sei immer Wandel – aber mit der UNESCO-Anerkennung könnten sich neue Chancen auftun. Es sei an der Szene selbst, wie sie damit umgehe.

Peter Wacha a.k.a. Upstart, Münchner Szene-Ikone und Betreiber der Roten Sonne, stellte sich klar hinter den Antrag. Die Frage des Moderators aufgreifend, betonte er, dass sich UNESCO und Technokultur sogar unbedingt aufeinander einlassen müssen. Er übte deutliche Kritik an kapitalistischen Verwertungslogiken, sprach sich für die Aufnahme weiterer Kulturformen wie Jazz oder Punk aus und warnte davor, Clubkultur auf nationale Grenzen zu reduzieren. Zugleich verwies er auf persönliche Gespräche, in denen ihm Musiker aus Detroit bestätigten, in Berlin eine Sichtbarkeit und Wertschätzung erfahren zu haben, die ihnen in den USA oft verwehrt geblieben war.

Immaterielles Kulturerbe: Ein Begriff mit Substanz?

Dr. Helmut Groschwitz, Leiter der bayerischen Beratungsstelle für Immaterielles Kulturerbe, nutzte die Gelegenheit, um Grundlagen zu erklären: Das UNESCO-Konzept sei nicht als Denkmal auf Papier gedacht, sondern als Sichtbarmachung einer lebendigen Praxis. Die Diskussion, das Erzählen von Geschichten und Ereignissen – all das sei bereits Teil des kulturellen Erbes.

Im weiteren Verlauf rückten jedoch zunehmend die realen Herausforderungen der Szene in den Fokus: steigende Kosten, schwindende Räume, wachsender ökonomischer Druck. Ferdinand Meyen warf hier die Frage auf, ob eine Auszeichnung als immaterielles Kulturerbe von dringenden materiellen Fragen in der Szene ablenkt.

Ein Punkt, den Sanne Kurz aufgriff – etwa in Bezug auf Naturschutz, Lärmschutz oder das bayerische Feiertagsgesetz, das mit dem Tanzverbot an sogenannten „stillen Tagen“ Jugend- und Clubkultur ausbremse. All das seien nicht materielle, aber dennoch gravierende Hürden – immaterielle Problemfelder, die tief in die kulturelle Praxis eingreifen würden.

Kultur und Natur | Deutsche UNESCO-Kommission

Hintergrund: Das UNESCO-Übereinkommen

Die Grundlage für die internationale Anerkennung von Immateriellem Kulturerbe ist das UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes von 2003. Es verpflichtet die unterzeichnenden Staaten dazu, lebendige kulturelle Ausdrucksformen – wie Tänze, Musik, mündliche Traditionen oder Handwerk – zu schützen, sichtbar zu machen und gemeinsam mit den jeweiligen Communities zu erhalten.

Deutschland hat das Abkommen 2013 ratifiziert. Bis heute haben es über 180 Staaten unterzeichnet.

Nicht dabei sind bislang u. a.:

🇺🇸 USA
🇬🇧 Vereinigtes Königreich
🇨🇦 Kanada
🇦🇺 Australien

Die Gründe dafür liegen meist in abweichenden Kulturverständnissen oder politischen Vorbehalten gegenüber internationalen Verpflichtungen im Kulturbereich.

„Nice to have“ oder echter Wandel?

Die Frage, ob sich durch die Anerkennung etwas verändert habe, richtete Trummer an Ellen Dosch-Roeingh. Ihre Antwort fiel ernüchternd aus: Echtes politisches Gehör finde die Technokultur dadurch bisher kaum. Zwar werde die Urkunde gerne gesehen oder die Anerkennung thematisiert, an den realen Problemen ändere sich dadurch bislang nichts.

Sie verwies auf die ungebremste Gentrifizierung in Berlin, fehlende Mietpreisbremsen für Gewerbe- und Kulturbetriebe sowie den fortgesetzten Ausbau der Berliner Stadtautobahn A100. Aus ihrer Sicht sei der Schutz der Clubkultur nicht nur eine Szene-Frage, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung – mit Blick auf Vielfalt, Transformation und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Dr. Motte betonte, dass es dringend notwendig sei, die Auszeichnung mit rechtlichen Konsequenzen und wirksamen Schutzmechanismen zu verknüpfen.

Und jetzt?

Am Ende des Panels stellte sich die Frage, ob Ferdinand Meyen durch die Diskussion seine Haltung verändert habe. Er räumte ein, dass er seinen Artikel aus dem März 2024 heute vermutlich nicht mehr in dieser Form schreiben würde. Die wesentlichen Kritikpunkte – insbesondere die Gefahr einer Musealisierung – blieben für ihn jedoch bestehen. Problematisch sei dies vor allem dann, wenn ein allzu starker Fokus auf der Vergangenheit liege, was hier jedoch nicht gegeben wäre. Auch sehe er in der Musealisierung einen möglichen Teilaspekt von Gentrifizierungsstrategien, bei denen kulturelle Glaubwürdigkeit lediglich vorgetäuscht werde.

Sanne Kurz und Ellen Dosch-Roeingh griffen diesen Punkt noch einmal auf und plädierten für eine klare Differenzierung: Entscheidend sei, ob Musealisierung von außen aufgesetzt werde – etwa durch Investoren, die Nutzen daraus ziehen wollten – oder ob sie aus der Szene selbst heraus erfolge, um deren Geschichte zu dokumentieren, aktiv zu erzählen und weiterzugeben. Letzteres sei kein Widerspruch, sondern Teil eines lebendigen Kulturerbes.

Dr. Motte brachte es schließlich auf den Punkt:

„Wenn man so will, ist jeder Club auch ein bisschen Museum, weil er Geschichte wiederspiegelt, weil er eine Tradition zeigt.“

     

Die Diskussion geht weiter

Im Anschluss an das Panel entwickelte sich ein lebendiger Austausch mit dem Publikum: Es wurde gestritten, genickt, gelacht – ganz so, wie es sich für eine Kultur gehört, die nicht nur lebt, sondern auch streitbar bleibt.

Und vielleicht – ja, vielleicht – ist dabei dem einen oder der anderen ganz nebenbei bewusst geworden, dass sie selbst längst Teil dessen waren, wovon Dr. Helmut Groschwitz kurz zuvor gesprochen hatte: Weitergabe eines Kulturerbes, indem Geschichten und Ereignisse erzählt, Erfahrungen geteilt und Perspektiven ausgetauscht wurden – wie es an einem Donnerstagabend in der „Roten Sonne“ in München geschehen war.

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Wer saß auf dem Podium?

Dr. Motte, Foto: Petrov Ahner

Dr. Motte

DJ, Musiker, Techno-Pionier – als „Vater der Loveparade“ ist er eine prägende Figur der elektronischen Musikgeschichte. Mit seiner Vision von Frieden, Musik und kultureller Vielfalt hat er nicht nur in Berlin, sondern weltweit Spuren hinterlassen.
 
Als Mitgründer von Rave The Planet engagiert er sich heute gemeinsam mit der Community dafür, die Geschichte und Werte der Techno- und Clubkultur zu bewahren – als lebendige, vielfältige Bewegung, die von Anfang an von unterschiedlichsten Menschen mitgestaltet wurde. Ziel ist es, diese Kultur als immaterielles Kulturerbe sichtbar zu machen, zu fördern und solidarisch zu schützen – nicht exklusiv, sondern inklusiv.
 
2025 feiert Dr. Motte sein 40-jähriges DJ-Jubiläum.

Ellen Dosch-Roeingh, Photo by Tomasz Guiddo
Ellen Dosch-Roeingh, Foto: Tomasz Guiddo

Ellen Dosch-Roeingh

Sie ist Kommunikationsdesignerin, Creative Director, Head of PR – und Mitgründerin der gemeinnützigen Organisation Rave The Planet. Als Projektleiterin der Parade und Kopf hinter vielen unserer Kampagnen schlägt ihr Herz nicht nur für Techno, sondern auch für kulturelle Teilhabe und Sichtbarkeit – auf Augenhöhe und mit Haltung.
 
Bei unserem Livetalk saß sie nicht nur als Speakerin auf der Bühne, sondern auch als Aktivistin für Technokultur als Kulturerbe. Ellen gab Einblick in die Arbeit hinter den Kulissen, die Vision von Rave The Planet – und warum es wichtig ist, sich laut und gemeinsam für Techno- und Clubkultur einzusetzen.

Ferdinand Meyen

Er ist seit 2018 als Journalist beim Bayerischen Rundfunk tätig. Dort arbeitet er bei Bayern 2 für die Popkultur-Redaktion Zündfunk, als Filmreporter für die Sendung „quer mit Christoph Süß“ sowie für BR24 und die Bürger- und Talksendungen. Zuvor absolvierte er seinen Master in Soziologie an der LMU in München.
 
Als Panelgast brachte er bei seinen kritischen Blick auf das Thema ein.

Peter Wacha a.k.a. Upstart

Peter Wacha a.k.a. Upstart

Er ist eine Legende der Münchner Clubszene. Upstart ist Mitgründer des legendären Münchner Labels Disko B, Betreiber des Plattenladens Optimal Records und einer der Köpfe hinter dem Club Rote Sonne.
 
Seit den 90ern prägt er die elektronische Musikszene in München – als DJ, Labelmacher, Veranstalter und Möglichmacher.

Sanne Kurz, Foto: Christian Mueller | Copyright: © EYE AM CHRIS

Sanne Kurz

Sie ist Mitglied im Bayerischen Landtag für BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Nicht nur als Fraktionssprecherin für Medien und Kultur, sondern auch aus ihrer Berufserfahrung als freie Filmemacherin, Kamerafrau und Künstlerische Mitarbeiterin an verschiedenen nationalen und internationalen Filmhochschulen sind ihr die alternative Kultur- und Clubszene sowie die Situation der Kulturschaffenden ein Anliegen.


Dr. Helmut Groschwitz

Dr. Helmut Groschwitz

Er leitet die Beratungs- und Forschungsstelle Immaterielles Kulturerbe Bayern am Institut für Volkskunde bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Dort widmet er sich der Frage, wie kulturelle Praktiken bewahrt und weiterentwickelt werden können – auch jenseits von Trachten, Tänzen und Traditionen.
 
Als Speaker im Talk brachte er sein Wissen über die Schnittstelle von immateriellem Kulturerbe und urbaner Popkultur ein – und schaute mit uns darauf, wie Clubkultur ihren Platz im kulturellen Gedächtnis finden kann.

Prof. Dr. Manuel Trummer

Prof. Dr. Manuel Trummer

Er ist Geschäftsführer des Instituts für Volkskunde der Kommission für Bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied im Fachkomitee Immaterielles Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission.
 
Er ist eigentlich in der Rockmusik zu Hause, interessiert sich aber stets auch dafür, wie Popmusik und Popkultur der Gesellschaft kreative Impulse verpassen können.
 
Als Moderator und Gastgeber des Abends brachte Manuel Wissenschaft und Subkultur ins Gespräch – und lud alle Anwesenden zum Dialog ein.

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