Stimmen zur aktuellen Lage auf dem Berliner RAW-Gelände
Szene-Statements
Am Berliner RAW-Gelände sorgt die geplante städtebauliche Entwicklung erneut für große Unsicherheit. Obwohl Clubs, soziokulturelle Angebote und Sportflächen aktuell weiter in Betrieb sind, steht für viele Beteiligte viel auf dem Spiel: Es geht um die Zukunft eines der wichtigsten subkulturellen und soziokulturellen Orte der Stadt. Zwischen Bebauungsplänen, Trägermodell, Schallschutzfragen und politischen Abstimmungen ist vieles weiter offen.
Umso wichtiger ist es, die betroffenen Locations selbst zu Wort kommen zu lassen. Hierzu baten wir sie um Statements zur persönlichen Situation, den Bebauungs- und Entwicklungsplänen, zu kultureller Verantwortung, und wie es für sie jetzt weitergeht.
Wir stehen im Austausch mit allen Locations, haben jedoch noch nicht von allen Statements vorliegen.
Sobald diese eintreffen, werden wir sie entsprechend ergänzen.
Statement Crack Bellmer
Über viele Jahre hat sich am RAW-Gelände ein einzigartiges kulturelles Ökosystem entwickelt: kleine Clubs, Kunstprojekte, Initiativen und eine vielfältige Community, die Berlin international prägen. Wenn dieser Ort verschwindet, verliert die Stadt nicht nur einzelne kulturelle Orte, sondern mit dem RAW-Gelände auch eine der größten sub- und soziokulturell genutzten Flächen Europas.
Die Situation ist komplex, da sich das Gelände im Privatbesitz befindet und gleichzeitig eine große kulturelle Bedeutung für Berlin hat. Deshalb braucht es Lösungen, bei denen Politik, Verwaltung und Eigentümer:in gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Aus unserer Sicht muss sich die Stadt aktiv um den Erhalt solcher Orte kümmern. Sie sind Teil der Identität Berlins und lassen sich nicht einfach ersetzen. Deshalb braucht es langfristige Planungssicherheit und ein klares politisches Bekenntnis, kulturelle Orte dieser Bedeutung zu schützen und zu erhalten.
Über den aktuellen Stand wurden wir vom Bezirk informiert, dennoch gibt es weiterhin viele Unklarheiten. Es gab Gespräche über mögliche Entwicklungen des Geländes, konkrete Zeitpläne oder verbindliche Perspektiven für bestehende soziokulturelle Nutzungen sind seit Jahresbeginn jedoch wieder weitestgehend offen.
Diese Unsicherheit erschwert den Alltag erheblich, weil langfristige Planung, Kooperationen oder Investitionen nur mit erheblichen Risiken möglich sind.


Auch wenn die Situation rechtlich und wirtschaftlich schwer vorhersehbar ist:
Wir machen weiter. Wir unterstützen uns gegenseitig – und wir halten zusammen.
Ein Ort wie das Crack Bellmer – und erst recht das gesamte RAW-Ökosystem – lässt sich jedoch nicht einfach verlegen. Solche Orte entstehen über viele Jahre durch Menschen, Strukturen und eine spezifische Umgebung. Genau deshalb liegt unser Fokus darauf, den bestehenden Ort und seine kulturellen Strukturen so lange wie möglich zu erhalten.
Statement Cassiopeia
Das Gelände sowie die Orte wurden nicht geschlossen. Alle Clubs, soziokulturelle und sportliche Angebote finden weiterhin auf dem Gelände statt. Seit über 10 Jahren befinden wir uns mit dem Bezirk und der Eigentümerin in Verhandlungen. Ziel ist es, mithilfe des Kooperativen Städtebaus eine Win-win-Situation für alle zu schaffen. Das SKL* (der Bereich, in dem sich die Angebote befinden) soll für 30 Jahre an einen öffentlichen Träger vermietet werden.
Dafür bekommt die Eigentümerin das gewünschte Bauverfahren und eine erhöhte Baumasse. Da dieser Prozess zum ersten Mal angewendet wird, sind wir immer wieder auf Herausforderungen gestoßen, für die es keine direkten Antworten gab.
So verzögerte sich die Findung des/der öffentlichen Generalmieter:in und durch den hohen Büroleerstand in Berlin, orientiert sich die Eigentümerin nun mehr in Richtung Wohnungsbau, was vor allem für die Clubs auf dem Gelände ein Gefahrenpotenzial mitbringt.

Was es nun braucht, um dieses Verfahren zu retten, ist ein konstruktives und gemeinsames Arbeiten. Es geht hier am Ende um mehr als die Rettung der Clubkultur auf dem Gelände. Das RAW im Bereich des SKL ist das größte soziokulturelle Zentrum Deutschlands und befindet sich mitten in Berlin. Gelingt es uns nicht, dieses Verfahren erfolgreich zu beenden, verschwindet ein Ort, der so nicht nochmal in Berlin entstehen wird. Ein Ort, der nicht nur wichtig für unsere Clubkultur ist, sondern hier gibt es kulturelle Angebote, die wichtig für den Bezirk und für die Stadt sind. Sei es die Kinder- und Jugendarbeit, die Integrationsarbeit, das künstlerische Angebot und das Sportangebot.
Verantwortung tragen alle Beteiligten an diesem Verfahren. Wenn über einen so langen Zeitraum verhandelt wird, dann verhärten sich Meinungsverschiedenheiten oder Parteien fühlen sich nicht gehört. Doch das müssen wir alle hinter uns lassen, um das RAW so zu entwickeln, dass für alle Platz auf dem großen Gelände ist.

Es gibt eine öffentliche Visualisierung, wie das Gelände nach der Entwicklung aussehen soll. Es sieht natürlich anders aus und jede Person hat vermutlich andere Vorstellungen, aber es ist eine Visualisierung, die den Erhalt der Kultur für 30 Jahre ermöglicht. Das kennen wir so in Berlin sonst nicht. Als Nutzer:innen sind wir in dieses Verfahren involviert. Wir haben Abstimmungstermine mit dem Bezirk und auch einen Austausch mit der Eigentümerin. Aufgrund des Nutzungsänderung in Richtung Wohnen geht es neben dem Trägermodell vor allem um Schallschutzthemen. Dafür werden Gutachten erstellt, in die wir die Hoffnung setzen, dass sie eine Möglichkeit aufzeigen, alle Nutzungen auf dem Gelände konfliktfrei zu ermöglichen. Das Trägermodell hat neben dem Schallschutz die höchste Priorität. Im Gespräch war hier lange die BIM**, die als Generalmieterin das SKL anmieten soll. Politisch gibt es hier jedoch noch keine Einigkeit und wir bitten dringend diese Einigkeit zu finden. Mit der BIM an Bord würde das Verfahren weit nach vorne kommen.
Wir machen weiter. Trotz der angespannten Situation haben das Cassiopeia und der Sommergarten geöffnet. Unsere Konzerte, Raves und Partys finden weiterhin statt und wir geben alles, dass das auch die nächsten 30 Jahre noch so sein wird.
Ein alternativer Standort ist weder im Gespräch noch eine ernsthafte Option für uns. Wir gehören zum RAW und können auch für die Entwicklung des Geländes ein enormer Mehrwert sein.
Statement Der Weiße Hase
Danke euch erstmal für den ganzen Support, das bedeutet uns wirklich viel. Das gibt Kraft.
Leider ist die Situation nicht so einfach, wie sie von außen oft wirkt: Weder die Politik noch der Eigentümer sind hier einfach „böse“. Die Politik will das RAW als Kulturstandort langfristig rechtssicher schützen, der Eigentümer will entwickeln und sagt, er sei bereit, Kultur mitzudenken.

Das eigentliche Problem ist, eine Lösung zu finden, die beides möglich macht, Entwicklung und verlässlichen Schutz, ohne dass am Ende die Kultur verliert. Genau da liegt das Dilemma.
Ganz aus dem Nichts kam das alles nicht. Wir wussten seit Jahren, dass es Pläne für das Gelände gibt, und es gab auch Vorstellungen und Gespräche. Zwischenzeitlich stand sogar ein Modell im Raum, bei dem die Kultur für 30 Jahre gesichert werden sollte. Das Problem ist nur: Es wurde viel diskutiert, aber nichts ist wirklich verlässlich geklärt worden. Genau diese Mischung aus Information auf der einen und fehlender Verbindlichkeit auf der anderen Seite macht die Lage so schwierig.
Wir können gerade weitermachen, aber ohne neue Verträge und ohne echte Planungssicherheit. Das heißt: Der Betrieb läuft, aber wir hängen weiter in der Luft. So kann man weder langfristig Programm aufbauen noch mit Substanz planen. Und daran hängen eben nicht nur Partys, sondern auch Existenzen. Bei uns leben über 20 Mitarbeitende direkt oder indirekt von diesem Betrieb. Eine belastbare Perspektive für einen alternativen Standort gibt es aktuell nicht; im Moment geht es erstmal darum, den Laden am Laufen zu halten und auf eine langfristige Lösung zu hoffen.
* SKL = Soziokulturelles Liegenschaftsareal, oft auch einfach „Soziokulturelles L“ genannt
Damit ist der Teil des RAW-Geländes gemeint, der langfristig für soziokulturelle, sportliche und gemeinwohlorientierte Nutzungen gesichert werden soll (Clubs, Kulturprojekte, Sportangebote, Initiativen usw.).
Der Begriff wird in den Verhandlungen zwischen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, Eigentümerin und den Nutzer:innen verwendet, um diesen Bereich planerisch abzugrenzen und im Rahmen des Kooperativen Städtebaus langfristig zu sichern – u. a. durch eine Vermietung an einen öffentlichen Träger für etwa 30 Jahre.
** BIM = Berliner Immobilienmanagement GmbH
Die BIM ist das landeseigene Immobilienunternehmen des Landes Berlin und verwaltet sowie entwickelt viele öffentliche Gebäude und Grundstücke der Stadt. In den Gesprächen zur Zukunft des RAW-Geländes wurde diskutiert, dass eine öffentliche Organisation als Generalmieterin für das Soziokulturelle L auftreten könnte.
Die Idee dahinter: Eine öffentliche Organisation mietet die Fläche langfristig an und vermietet sie anschließend an die einzelnen Kultur-, Sport- und Sozialprojekte weiter. So könnten stabile und langfristige Nutzungen gesichert werden. In früheren Diskussionen war für diese Rolle allerdings auch die GSE gGmbH (Gesellschaft für StadtEntwicklung) im Gespräch.
Autor: Kay Barton, Rave The Planet Onlineredaktion