Überfällige Veränderungen innerhalb der GEMA-Kategorisierung
Kritischer Kommentar von Kay Barton
Kurzfassung – worum geht’s im Artikel?
Die GEMA schafft die sogenannte „E-/U-Trennung“ ab: Schluss mit „ernster Musik“ hier und „Unterhaltungsmusik“ dort. Ein historischer Schritt, aber sicher noch kein Happy End. Denn jetzt geht es um die eigentliche Frage, ob elektronische Musik künftig wirklich fair behandelt werden wird, insbesondere bei den Fördermitteln, oder ob alte Machtverhältnisse, Netzwerke und Bewertungslogiken bestehen bleiben, nur mit modernerem Wording. Die Kritik schaut dabei auf die offenen Baustellen der Reform: neue Förderkriterien, Gremienbesetzung, Clubdaten, DJ-Nutzungen, unabhängige Szenen und die Frage, wer am Ende tatsächlich von der genreoffenen Kulturförderung profitiert.
Aus Perspektive von Rave The Planet ist klar: Techno ist Kulturerbe. Jetzt müssen auch GEMA-Strukturen, Verteilung und Sichtbarkeit nachziehen.
Schluss mit E und U – jetzt beginnt die eigentliche Debatte
Die GEMA hat auf ihrer Mitgliederversammlung in Berlin einen Schritt beschlossen, der längst überfällig war: Die alte Trennung zwischen sogenannter „ernster Musik“ und „Unterhaltungsmusik“ soll in der Kulturförderung fallen. Künftig soll Musik genreoffener bewertet werden. Also nicht mehr: hier die vermeintlich höhere Kunst, dort der Rest, der angeblich nur Menschen zum Tanzen, Mitsingen oder Feiern bringt.
Konkret kamen vom 5. bis 7. Mai 2026 rund 1200 GEMA-Mitglieder aus Komposition, Text und Musikverlagen in den Berliner Atelier Gardens zur jährlichen Mitgliederversammlung zusammen. Am 7. Mai wurde dort mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit die Reform der GEMA-Kulturförderung beschlossen. Die GEMA selbst spricht davon, die bisherige Förderung in den Bereichen E und U in eine genreübergreifende Förderung zu überführen. Endlich.

Wenn wir ehrlich sind: Diese Unterscheidung war nie neutral. Sie war eine Art kultureller Türsteher mit altem Sakko, überheblichem Blick und einer Gästeliste im Anschlag, auf der Clubkultur, elektronische Musik, Hip-Hop, Pop, Jazz, experimentelle Szenen und viele hybride Gegenwartsformen lange eher unter „nice, aber nicht wirklich Kultur“ liefen.
Jetzt ist diese Tür zumindest einen Spalt weiter offen. Die neue GEMA-Kulturförderung soll schrittweise in den Jahren bis 2030 eingeführt werden. Nach bisherigen Darstellungen geht es weiterhin um rund 50 Millionen Euro jährlich für kulturelle und soziale Zwecke.
Die bisherige Sonderstellung der E-Musik wird dabei deutlich verändert. Bisher war rund ein Drittel der Fördermittel für E-Musik reserviert, obwohl dieser Bereich laut Berichterstattung zur GEMA-Reform nur etwa 3% (in Worten: DREI Prozent) zum Fördertopf beitrug. Künftig soll die Förderung also genre-neutraler strukturiert werden.
Das ist ein historischer Moment und trotzdem noch kein Happy End.
Denn die entscheidende Frage lautet jetzt nicht mehr: Ist elektronische Musik Kultur? Diese Frage ist beantwortet. Spätestens seit dem 14. März 2024, als die „Technokultur in Berlin“ in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde, ist klar: Techno, Clubkultur und elektronische Musik sind nicht bloß Nachtleben. Sie sind soziale Praxis, ästhetischer Raum, politischer Ausdruck, Stadtgeschichte, Community-Arbeit und kollektives Gedächtnis. Die Deutsche UNESCO-Kommission beschreibt Technokultur in Berlin ausdrücklich nicht nur als Musikstilrichtung, sondern auch als gelebten Gegenentwurf zu klassischen Praktiken des Musikhörens.
Wir, Rave The Planet, haben genau dafür jahrelang gekämpft: für die Anerkennung elektronischer Musikkultur als schützenswertes Kulturgut. Wir verstehen diese Anerkennung grundsätzlich nicht als Endpunkt, sondern als Auftrag. Daher müsste die Frage nun vielmehr lauten: Wird diese Anerkennung tatsächlich auch in den vorhandenen Strukturen ankommen, die Geld, Sichtbarkeit und Teilhabe verteilen? Und genau hier wird‘s spannend. Oder unbequem. Wahrscheinlich beides.
Die alte Trennung war nicht nur sprachlich schief – sie hatte reale Folgen
„Ernste Musik“ und „Unterhaltungsmusik“, schon die Begriffe sind ein Problem an sich. Sie tun so, als sei Ernsthaftigkeit eine Eigenschaft bestimmter Genres. Als könne ein Streichquartett automatisch deeper sein als ein Techno-Track. Als sei eine Partitur prinzipiell komplexer als eine Produktion, die über Sounddesign, Raum, Druck, Frequenzen, Arrangement, Timing und kollektive Körpererfahrung funktioniert.
Das ist nicht nur altmodisch. Es ist fachlich dünn und realitätsfremd.

Elektronische Musik arbeitet oft mit anderen Parametern als klassische Komposition. Nicht zwingend mit Notation, aber mit Klangarchitektur. Nicht immer mit melodischer Entwicklung, aber mit Textur, Raum, Wiederholung, Mikrovariation, Spannung, Funktion, Energie, Körperlichkeit. Ein guter Track kann einen Raum lesen, bevor er ihn zum Brennen bringt. Ein Live-Set kann Komposition, Improvisation und Performance zugleich sein. Ein DJ-Set kann kulturelles Archiv, Gegenwartsspiegel und kollektive Dramaturgie in Echtzeit sein. Wer das nur „Unterhaltung“ nennt, hat das Thema entweder nicht kapiert und/oder nicht richtig hingehört.
Dass die GEMA diese alte Kategorie nun aufgibt, ist deshalb zu begrüßen. Aber die Abschaffung eines Begriffs schafft noch keine gerechte Praxis. Ein neues System kann offener sein und zugleich aber auch neue Filter einbauen, die einfach nur neuer klingen.
„Genreoffen“ klingt toll, aber wer definiert nun, was förderwürdig ist?
Die GEMA spricht von einer neuen Struktur aus allgemeiner Förderung und Fokusförderung. Besonders relevante Werke, Repertoires und Initiativen sollen künftig gezielt unterstützt werden. Dabei sollen auch musikalische Teilkulturen stärker einbezogen werden. Im Vorfeld der Mitgliederversammlung ergänzte der GEMA-Aufsichtsrat den Antrag unter anderem mit Blick auf die Einbindung fachlicher Expertise und eine weiter konkretisierte Umsetzung. Auch das ist begrüßenswert und richtig. Aber es reicht nicht, Teilkulturen als Buzzword in ein Konzeptpapier zu schreiben.
Die Clubkultur kennt solche Vibes: Diversity im Pressetext, aber am Ende sitzen wieder dieselben Leute am Tisch. Offenheit als Label, Gatekeeping als Betriebssystem.
Wenn künftig Förderkommissionen, Bewertungsraster, Scores und Verteilungsschlüssel darüber entscheiden, welche Musik als „besonders“ gilt, dann muss schlichtweg transparent werden: Wer bewertet? Nach welchen Kriterien? Mit welchem Szeneverständnis? Auf welcher Datenbasis?
Denn genau dort können ungünstige Strukturen weiterexistieren. Nicht unbedingt aus bösem Willen. Oft reicht die Gewohnheit. Netzwerke, die über Jahrzehnte gewachsen sind, Gremien, in denen bestimmte (akademisierte) Milieus überrepräsentiert sind. Bewertungslogiken, die Konzertsaal, Notation, Rundfunk, akademische Komposition oder institutionelle Anerkennung besser verstehen als Clubräume, Labels, Kollektive, Offspaces, DIY-Strukturen, FLINTA*-Netzwerke, migrantische Szenen oder queere Dancefloors.
Das wäre dann nicht mehr E gegen U. Aber es wäre immer noch oben gegen unten.
Elektronische Musik braucht andere Kriterien als die alte Musikwelt
Für elektronische Musik ist die Reform nur dann ein Fortschritt, wenn ihre Arbeitsrealitäten wirklich verstanden werden. Ein Track entsteht nicht zwingend als „Werk“ im traditionellen Sinn. Er entsteht oft aus Produktion, Sounddesign, Sample-Kultur, Maschinenlogik, Performance, Remix-Ästhetik, Clubfunktion und Szene-Feedback. Viele relevante Veröffentlichungen laufen nicht über große Verlage oder etablierte Institutionen, sondern über kleine Labels, Bandcamp, limitierte Vinyl-Releases, digitale Nischen, Community-Radios, Streaming, DJ-Support, Clubs und Festivals.
Das Problem: Genau diese Realitäten sind oft schwerer messbar. Ein Orchesterkonzert ist dokumentiert. Ein Verlag kennt seine Werke. Ein Programmheft liefert Kontext. Eine Rezension in der klassischen Fachpresse schafft Legitimation. Aber was ist mit einem Track, der über Monate in Sets internationaler DJs zirkuliert, bevor er offiziell erscheint? Was ist mit einer Produzentin, deren Sound eine Szene prägt, aber kaum oder überhaupt nicht im öffentlich-rechtlichen Radio stattfindet?
Was ist mit einem Live-Act, der jedes Set neu baut? Was ist mit einem Kollektiv, das kulturelle Infrastruktur schafft, aber keine klassischen Werklisten produziert? Was ist mit einem Clubtrack, dessen kulturelle Relevanz nicht im Feuilleton entsteht, sondern auf dem Floor?

Wenn ein künftiger Verteilungsschlüssel solche Realitäten nicht abbildet, bleibt elektronische Musik im System weiterhin strukturell benachteiligt, nur halt mit freundlicherem Wording.
Die größte Baustelle: Daten, Clubnutzung und Verteilung
Gerade für elektronische Musik ist die Verteilungsfrage zentral. Denn Clubkultur produziert enorme Nutzung, aber diese Nutzung wird traditionell nicht immer so präzise erfasst, wie sie erfasst werden müsste.
Welche Tracks laufen in Clubs?
Wie werden DJ-Sets dokumentiert?
Wie werden Edits, Remixe, Live-Versionen, unveröffentlichte Tracks oder Tools behandelt?
Wie fließen Festival-Sets, Streaming-Mitschnitte, Webradio, Mixplattformen und Hybridformate ein?
Wie wird verhindert, dass pauschale Verteilungen wieder vor allem denen helfen, die ohnehin gut organisiert, gut verlegt und gut sichtbar sind?
Das ist keine technische Nebensache. Das ist der Kern. Denn Kulturförderung ist nicht nur eine Frage der Haltung. Sie ist eine Frage der Infrastruktur. Wer gesehen wird, wird gezählt. Wer gezählt wird, wird bezahlt. Wer bezahlt wird, kann weitermachen. Wenn elektronische Musik als Kulturerbe ernst genommen wird, dann muss auch ihre Nutzung ernst genommen werden. Nicht nur auf großen Bühnen, sondern dort, wo sie lebt: in Clubs, Kellern, Hallen, Community-Spaces, auf Demos, in unabhängigen Radios, in Archiven, auf Dancefloors.
Rave The Planet zeigt seit Jahren, dass elektronische Musik mehr ist als Sound. Sie ist Bewegung, Versammlung, Erinnerung, Utopie, Protest, Care-Arbeit und kulturelle Selbstorganisation. Die Parade versteht sich nicht nur als Event, sondern als kulturpolitische Demonstration für elektronische Musik- und Clubkultur.
Genau deshalb darf elektronische Musik in Verwertungssystemen nicht länger wie ein Beifang der Unterhaltungsindustrie behandelt werden.
Die GEMA muss jetzt Klarheit schaffen
Die Reform ist seit dem Beschluss vom 7. Mai politisch innerhalb der GEMA gesetzt. Aber viele entscheidende Details sind offen. Und genau hier muss die Szene wach bleiben. Es braucht klare Antworten auf mindestens fünf Punkte:
1. Wie werden die neuen Förderkriterien konkret aussehen?
Wenn „Fokus Repertoire“ künftig besondere Werke aller Genres stärken soll, muss nachvollziehbar sein, was „besonders“ bedeutet. Innovation? Reichweite? Kulturelle Relevanz? Handwerkliche Komplexität? Szeneimpact? Internationale Resonanz? Nachwuchsförderung? Diversität? Ohne transparente Kriterien wird aus Genreoffenheit schnell ein neuer Nebelraum.
2. Welche Expert*innen sitzen in den entscheidenden Gremien?
Elektronische Musik darf nicht von Menschen bewertet werden, die Clubkultur nur aus Distanz kennen. Es braucht Produzent*innen, DJs, Kurator*innen, Labelmacher*innen, Clubbetreiber*innen, Festivalmacher*innen, Szenejournalist*innen und Menschen aus subkulturellen Strukturen. Nicht als Alibi, sondern mit echter Entscheidungsmacht.

3. Wie werden Club- und DJ-Nutzungen künftig besser erfasst?
Wenn Verteilung auf unvollständigen Daten basiert, reproduziert sie Ungerechtigkeit. Gerade im elektronischen Bereich muss die GEMA erklären, wie sie Setlists, Clubreporting, digitale Erkennungssysteme, Veranstalterdaten und internationale Nutzung künftig besser zusammenführt, ohne kleine Clubs und Kollektive bürokratisch zu überfahren.
4. Wie wird verhindert, dass große Marktakteure die neuen Fördertöpfe dominieren?
Wenn neue Förderlogiken vor allem denen helfen, die professionelle Antragsstrukturen, starke Verlage, große Kataloge und gute Lobbykontakte haben, dann wird aus Reform schnell Rebranding. Kulturförderung muss gerade dort wirken, wo kulturelle Bedeutung nicht automatisch mit Marktmacht zusammenfällt.
5. Wie bleibt die Reform überprüfbar?
Bis 2030 soll der Übergang schrittweise erfolgen. Das ist sinnvoll. Aber nur, wenn die Pilotphase echte Korrekturen ermöglicht. Die GEMA sollte regelmäßig offenlegen, welche Genres, Szenen, Altersgruppen, Geschlechter, Regionen und Organisationsformen von der neuen Förderung profitieren. Nicht als PR-Grafik, sondern als belastbare Transparenz.
Keine Neid-, sondern eine Gerechtigkeitsdebatte
Wichtig ist: Diese Diskussion sollte nicht als Kampf gegen zeitgenössische Kunstmusik geführt werden. Contemporary Classic, Neue Musik, experimentelle Komposition… all das bleibt relevant, schützenswert und oft ebenfalls prekär. Niemand gewinnt, wenn unterfinanzierte Kulturbereiche gegeneinander ausgespielt werden. Aber genauso wenig darf die alte Ordnung romantisiert werden. Wenn ein System über Jahrzehnte bestimmte Musikformen privilegiert und andere kulturelle Realitäten abwertet, dann muss man das benennen dürfen. Auch klar und unbequem.
Die U-Musik hat den Fördertopf massiv mitfinanziert. Nach Angaben aus der Berichterstattung zur GEMA-Reform trug der bisherige U-Bereich zuletzt den überwiegenden Teil zu den Fördermitteln bei, während die E-Musik nur einen kleinen Anteil erwirtschaftete, aber lange einen erheblichen Teil der Kulturförderung erhielt. Dass dieses Verhältnis am 7. Mai 2026 durch den Mitgliederbeschluss neu justiert wurde, ist verdammt nochmal überfällig.
Aber: Die Antwort darf nicht einfach lauten, nun werde nach Marktlogik verteilt. Denn dann gewinnen am Ende nicht automatisch die kreativen Szenen, sondern die am besten verwalteten Kataloge. Eine faire Reform muss zwei Dinge gleichzeitig schaffen: Sie muss die alte Hochkultur-Hierarchie beenden und verhindern, dass stattdessen reine Reichweite, Verlagsmacht oder Datenvorteile zur neuen Hierarchie werden.
Techno ist Kulturerbe und jetzt muss das System nachziehen
Die Anerkennung der Berliner Technokultur als Immaterielles Kulturerbe am 14. März 2024 war kein dekorativer Orden für die Vitrine. Sie war ein kulturpolitisches Signal: Diese Musik, diese Räume, diese Szenen und diese Praktiken haben gesellschaftlichen Wert. Rave The Planet hat genau diese Perspektive in die Öffentlichkeit getragen. Nicht aus Nostalgie und auch nicht, weil früher alles besser war. Sondern weil elektronische Musikkultur immer wieder beweist, dass sie interdisziplinär wirkt, Menschen verbindet, Räume schafft, Freiheit organisiert und gesellschaftliche Energie bündelt. Auf der Straße, im Club, im Studio, im Kollektiv.
Wenn die GEMA jetzt und konkret seit dem Mitgliederbeschluss vom 7. Mai 2026 die E-/U-Trennung aufhebt, muss sie diesen Gedanken konsequent zu Ende denken! Elektronische Musik darf nicht nur formal in ein genreoffenes Modell aufgenommen werden. Sie muss strukturell verstanden werden!
Das bedeutet: faire Daten, faire Gremien, faire Kriterien, faire Verteilung, faire Sichtbarkeit. Alles andere wäre nur ein Update der Benutzeroberfläche, während der alte Code weiterläuft.
Fazit
Die Entscheidung der GEMA vom 7. Mai 2026 ist ein wichtiger Schritt. Vielleicht sogar ein historischer. Die alte Trennung zwischen „ernster“ und „unterhaltender“ Musik war kulturell überholt, ästhetisch fragwürdig und politisch schwer zu rechtfertigen. Aber jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Denn Gerechtigkeit entsteht nicht durch neue Begriffe, sondern durch neue Strukturen. Für elektronische Musik, Clubkultur und die vielen Szenen jenseits klassischer Institutionen wird entscheidend sein, ob die GEMA ihre Reform wirklich bis in die Verteilungslogik, Datenerfassung und Gremienarbeit hinein ernst meint.
Die Tür ist offen. Jetzt muss die Szene darauf achten, wer durchgehen darf und wer am Ende wieder draußen steht, obwohl drinnen längst von Vielfalt gesprochen wird.
Over and out.

Autor: Kay Barton, Rave The Planet Onlineredaktion